Renaissance 2.0
am 07.10.2011 veröffentlicht
Stefan Bufler schreibt in der a3kultur Serie ... der Ort an dem wir leben über den langen Weg kommunaler Profilentwicklungskonzepte.
2011 war bisher ein gutes Jahr für Augsburg. FCA, Fußballweltmeisterschaft, Stadttheater, Mobilitäts drehscheibe und Klinikum sorgten für positive Schlagzeilen.
Dennoch hält sich die Euphorie bei den gewählten Vertretern der Bürgerschaft in Grenzen. Die schwierige Finanzsituation und die damit einhergehenden Sparzwänge sind das alles bestimmende Thema in Stadtrat und Verwaltung. Ein weiteres sportliches oder kulturelles Großereignis kann auf absehbare Zeit nicht mehr gestemmt werden.
Kreativität muss in diesen Tagen mehr im Zusammenhang mit der Verteilung der verblei ben den Mittel als mit der Planung und Durchführung von zukunftsweisenden Stadt ent wicklungs programmen bewiesen werden.
Dabei müsste das Thema Stadtentwicklung gerade in Zeiten klammer Kassen ganz oben auf der Agenda stehen. Denn nur wenn ein Konsens über langfristige kommunale Entwicklungsziele besteht, können Ressourcen so eingesetzt
werden, dass sich die Stadt ihre eigenen Zukunftschancen nicht verbaut.
Die Stadt wird oft aus einem engen Blickwinkel betrachtet
Die Vielzahl der Augsburger Prozesse der Augsburger Prozesse und Initiativen, die in unterschiedlicher Gestalt zeitgleich Themen kommunaler Profilbildung be rüh ren, sind Beleg dafür, dass die Notwendigkeit einer Beschäftigung mit der Zukunft der Stadt auch hier erkannt wird. Bei näherer Betrachtung wird aber deutlich, dass die Stadt dabei oft aus einem relativ engen Blickwinkel betrach tet wird, statt
den Versuch zu unternehmen, die Vielfalt des kommunalen Lebens in einem Entwicklungskonzept abzubilden.
Der Augsburger Profilentwicklungsprozess, von dem hier die Rede sein soll, setzt hier an. Vier Fragen nach einer zukunftsorientierten Profilierung und wettbewerbsfähigen Positionierung sollten in einem breit angelegten Diskurs mit Vertretern der Stadtgesellschaft beantwortet werden:
1. In welche Richtung soll sich Augsburg bewegen?
2. Welche Potenziale kann die Stadt in Zukunft gewinnbringend nutzen?
3. Welche Hürden müssen auf diesem Weg genommen werden?
4. Welche »Idee von einer Stadt« kann und will Augsburg schließlich in die Welt tragen?
Anlass für die Initiierung des Prozesses war die Erkenntnis, dass Augsburg als drittgrößte Stadt Bayerns außerhalb der »Stadtmauern« zu wenig oder sehr verkürzt wahrgenommen wird. Das Image der Stadt wird von historischen Themen dominiert. Viele der zukunftsweisenden Aktivitäten innerhalb der Stadt wirken sich höchstens marginal auf das Fremd- und Selbstbild Augsburgs aus. Die Stadt kann und leistet mehr, als es den Anschein hat. Welche Themenfelder kann Augsburg aber in Zukunft besetzen?
Der Profilentwicklungsprozess
Auf Initiative und Einladung der Stadtregierung unter OB Kurt Gribl sowie auf der Grundlage eines Stadtratsbeschlusses nahm eine aus Vertretern der Stadtgesellschaft bestehende Projektgruppe Ende 2008 die Arbeit am Augsburger Profilentwicklungsprozess auf. Die 15 Mitglieder der Projektgruppe waren über eineinhalb Jahre hinweg an dem Prozess beteiligt. Das Projektergebnis soll als Planungsgrundlage für die Stadtentwicklung dienen sowie Leitlinien für interne und externe Kommunikationsmaßnahmen aufzeigen.
Um aktuelle gesellschaftliche Strömungen und Positionen inner halb der Bürgerschaft wahrnehmen zu können, wurden neun Expertenrunden mit 59 Personen aus den verschiedensten Bereichen des städtischen Lebens durchgeführt. Die Aufgabe der Projektgruppe bestand darin, die so gewonnenen Erkenntnisse zu bewerten und Vorschläge für eine profilbildende Stadtentwicklung zu erarbeiten. Das Ergebnis wurde im Sommer 2010 dem Oberbürgermeister als 140 Seiten umfassendes Dokument überreicht. Der Konzeptentwurf wurde parteiübergreifend positiv vom Stadtrat aufgenommen. Auf Bitte der Fraktionen wurde ein vertiefender Gedankenaustausch aufgenommen – ein Prozess, der derzeit noch nicht abgeschlossen ist.
Die irreführende und unkorrekte Darstellung des Prozesses und Profilierungskonzepts auch in der lokalen Tagespresse wurde dem Engagement der beteiligten Bürger leider in keiner Weise gerecht.
Die Idee von einer Stadt
Wenn über das Profil Augsburgs nachgedacht wird, dauert es nicht lange, bis die Sprache auf die Römer, Fugger, Mozart, Diesel, Brecht oder den Religionsfrieden kommt. Und auch die Clusterdiskussion oder verschiedene Institutionen oder Organisationen treten in diesem Zusammenhang abwechselnd ins Rampenlicht. Gestern Umweltkompetenzstandort, heute Zentrum für Karbonfasertechnologie und morgen …?
Ein einzelnes Leitthema lässt sich dabei nicht ausmachen und entsprechende Bemühungen sind meist zum Scheitern verurteilt. Den am
Profilentwicklungsprozess beteiligten Personen war klar, dass es nicht darum gehen konnte, eines oder wenige der genannten Themenfelder
zu besetzen. Vielmehr wurde nach einer übergeordneten Augsburger »Idee« gesucht, mit der sich viele Akteure der Stadtgesellschaft identifizieren konnten.
Schließlich kristallisierte sich im Laufe des Prozesses ein Kanon von Themen heraus, der offensichtlich die Diskussion und Arbeit in verschiedenen Lebensbereichen der Stadt gleichermaßen bestimmt. Es sind dies nicht so sehr augsburg-spezifische Themen, sondern vielmehr Fragestellungen, die durch gesellschaftliche, ökologische und ökonomische Entwicklungen auch andernorts aufgeworfen werden. Die Bereitschaft, sich den unsere Zeit bestim men den Herausforderungen als Stadt zu stellen und heute Lösungsmodelle für unsere Zukunft zu erarbeiten, ist in Augsburg sehr hoch. Mit gro ßem Engagement und Ideenreichtum suchen Bürger nach Antworten auf die komplexen Fra ge stellungen unserer Zeit.
Augsburg hat das Potenzial, zum Vordenker und Vorbild für kommunale Erneuerungsprozesse zu werden, sofern es gelingt, die kreativen
und innovativen Kräfte innerhalb der Stadtgesellschaft zu bündeln. Augsburg als »Modell einer europäischen Stadt« kann damit zu einer
»Modellstadt des 21. Jahrhunderts« werden.
Kritiker mögen an dieser Stelle einwenden, dass eine derartige Profilierung den Bezug zu Augsburg vermissen lasse und damit austauschbar sei. Sie übersehen dabei jedoch, dass die Rolle einer europäischen Modellstadt Augsburg nicht fremd ist. An der Schwelle vom ausgehenden Mittelalter zur Renaissance und zu Beginn der Neuzeit war Augsburg wirtschaftliches Zentrum und kultureller Taktgeber nördlich der Alpen. In Zeiten des grundlegenden gesellschaftlichen, geistigen, kulturellen und politischen
Wandels hat Augsburg die Zeichen der Zeit erkannt und wurde so zum »Modell« einer Stadt der Neuzeit. Indem sich Augsburg heute auf den Geist der Renaissance beruft, lässt sich das Potenzial einer kreativen und innovationsfreudigen Stadt darstellen. Die Stadt kann sich also auf den Weg machen, um als Modellstadt des 21. Jahrhunderts erneut, wenn auch unter anderen Vorzeichen, zu einem Impulsgeber für europäische Stadtentwicklung zu werden.
Aus diesem Grund wurde für den Profilentwicklungsprozess das Leitmotiv »Renaissance 2.0 – Modellstadt des 21. Jahrhunderts« gewählt.
Wie funktioniert »Renaissance 2.0«?
»Renaissance 2.0« kann zum Motor für eine disziplinübergreifende Mobilisierung der innovativen und kreativen Kräfte innerhalb der Stadtgesellschaft werden.Dieses Ziel wird allerdings nur dann erreichbar sein, wenn sich die Akteure aus den verschiedensten Gesellschaftsbereichen über Prinzipien gemeinsamen Handelns verständigen, die einer Profilierung als »Modellstadt« förderlich sind.
Ein disziplinübergreifender Schulterschluss vor dem Hintergrund einer gemeinsamen Zielsetzung wäre in dieser Dimension für Augsburg ein Novum. Es ist dies ein zentrales Anliegen des Entwurfs zur Profilentwicklung der Stadt. Die Marke »Renaissance 2.0« kann damit zum Qualitätssiegel und zur »programmatischen Klammer« für nachhaltige Innovation in der Stadt Augsburg werden.
Ein solches Profilentwicklungskonzept ist folglich auf die Akteure innerhalb der Stadtgesellschaft und nicht die breite Öffentlichkeit zugeschnitten – ein Sachverhalt, der in den Diskussionen um eine Umsetzung des Konzeptvorschlags leicht aus den Augen verloren wird.
Chance für Augsburg
In diesem Beitrag können die Überlegungen zu einer Profilierung Augsburgs nur skizzenhaft dargestellt werden. Viele Fragen bleiben folglich
unbeantwortet, weshalb auf das ausführliche Ergebnisdokument verwiesen sei. Die zahlreichen Gespräche mit Vertretern der Stadt und
Stadtgesellschaft erlaubten eine differenziertere Betrachtung. Das Profilentwicklungskonzept wurde dabei überwiegend positiv bewertet
und als Chance für Augsburg verstanden. Eine parteiübergreifende Planungsgruppe sollte eingesetzt werden, um die Möglichkeiten einer
organisatorischen Verankerung des Prozesses in der Stadtverwaltung auszuloten.
Doch inzwischen beherrschen wieder andere Themen den politischen Diskurs. Die parteipolitischen Kräfte innerhalb der Stadt scheinen derzeit nicht gewillt, zu den Umsetzungsperspektiven des im Auftrag der Stadt erarbeiteten Konzepts klar Stellung zu beziehen. Die »Chance für Augsburg« steht im Raum. Man muss sie nur ergreifen.
Wie uns der neue Leiter im Medien- und Kommunikationsamt Ekkehard Schmölz versichert hat, liegen in seinem Büro noch einige Exemplare des Ergebnisdokuments »Renaissance 2.0« für interessierte Bürger zur Mitnahme aus.
Zum Download findet sich das Dokument auf www.a3kultur.de.
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