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Ohne Marketing und Kommunikation geht nichts!
am 18.10.2011 veröffentlicht
Dr. Manfred Uhl, Professor für International Marketing & Communication an der Hochschule Augsburg,
im Gespräch mit a3kultur über Marketing, Kommunikation und Werbung und worauf es dabei ankommt.
a3kultur: Herr Uhl, warum drängen immer mehr Studenten in Bereiche mit den Schwerpunkten Marketing und Medien?
Dr. Manfred Uhl: Hier geht es um Themen, die alle Sinne bedienen. Denken Sie nur einmal an Marken. Sie sind sogar oft Ausdruck eines Lebensgefühls. Und die emotionale Wahrnehmung der Umwelt ist für junge Menschen besonders wichtig. Dazu kommen Visualität, Musik und nicht selten eine Orientierungs- und Identifizierungsmöglichkeit. Wenn eine Marke entwickelt ist, dann braucht sie eine mediale Umsetzung. Insofern ist die Medienwelt eine natürliche Partnerin.
Marketing, Kommunikation, Werbung – worauf kommt es dabei an?
Marketing ist natürlich nicht nur Werbung. Marketing beschäftigt sich mindestens mit allen Fragen rund um Produkte, Preise, Vertrieb und Kommunikation. Marketing und Kommunikation werden heute durch Dialog bestimmt. Es geht also nicht mehr nur um reine Werbung als Kommunikationseinbahnstraße vom Hersteller zum Kunden, ganz nach dem Motto: Hier ist das Produkt, bitte kaufen. Wir leben heute in einem Zeitalter des intensiven Dialogs, und zwar durch das Internet sogar in Echtzeit. Denken Sie nicht nur an die allseits bekannten Twitter, Facebook und YouTube, sondern auch an Bewertungsplattformen wie HolidayCheck, Verivox oder Kununu, auf der Firmen von ehemaligen und/ oder aktiven Mitarbeitern mit Punkten versehen werden. Die Entwicklung im Bereich Online- Kommunikation ist extrem schnell geworden. Umso wichtiger ist es, hier am Ball zu bleiben.
Nicht jeder Ihrer Studenten landet später bei einer vermeintlich coolen Marke wie Apple oder im Medienbereich. Unsere Region zum Beispiel ist durch Technologieunternehmen geprägt und ich vermute, dort geht es zuweilen recht nüchtern zu. Wie stark ist hier der emotionale Aspekt im Job?
In einem Wirtschafts- und Sozialsystem geht es im Kern darum, dass Menschen kommunizieren und etwas von Wert austauschen. Maschinen können etwas herstellen, aber sie setzen nicht die Unterschrift unter einen Kaufvertrag. Wenn Menschen einander vertrauen, dann werden sie auch gut zusammenarbeiten. Vertrauen kann man nur durch Kommunikation erreichen. Die neuesten Erkenntnisse der Hirnforschung zeigen, dass Rationalität nicht gleichzeitig heißt, dass man ohne Beteiligung der Gefühle agiert. Nehmen Sie beispielsweise einen disziplinierten Einkäufer in einem Technikunternehmen. Er wird emotional unbewusst begeistert sein, wenn Sie ihm als Anbieter zeigen, dass Sie alles bis ins letzte Detail durchgerechnet haben. Es ist schlichtweg ein Mythos, dass wir ohne Emotionen entscheiden.
Wie wichtig sind Marketing- und Kommunikationsexperten für Unternehmen?
Jedes Unternehmen befindet sich in einem Umfeld. Und alle Gruppen in diesem Umfeld wollen etwas vom Unternehmen: Kunden, Mitarbeiter, Eigentümer, Medien, Lieferanten und die Politik. Alle haben einen Informationsbedarf. Ohne Kommunikation läuft also gar nichts mehr. Und genau dafür braucht man Profis: Marketingund Kommunikationsprofis. Mit Halbwissen, Hemdsärmeligkeit und gut gemeinten Aktionen erleidet man Schiffbruch.
Die Stadt Augsburg, um nur ein Beispiel anzuführen, nennt sich seit Neuestem »City of Peace«. Gleichzeitig wirbt sie mit den Logos Brecht-, Mozart-, Fugger- und Römerstadt. Die Liste ist noch längst nicht komplett und auch die Kompetenzverteilung der verschiedenen regionalen Ansprechpartner ist wohl nicht klar definiert. Wie bewertet der Marketingprofi diese Situation?
Hinter den Initiativen stecken sehr engagierte Leute und tolle Ideen. Der Entwurf zu einem stadtgesellschaftlichen Entwicklungsprozess, der von Prof. Stefan Bufler begleitet wurde, ist ein gutes Beispiel. Das ist zunächst ein klarer Pluspunkt. Augsburg hat außerdem den Vorteil, auf viele potenzielle Markenbestandteile zurückgreifen zu können. Stadtmarketing unterscheidet sich zwar vom klassischen Produktmarketing, aber dennoch gibt es einige Punkte, die auf eine Stadt übertragbar sind. Je klarer und prägnanter das Markenprofil, desto stärker die Markenwirkung. Erste Voraussetzung für eine Markenentwicklung ist ein Abgleich von Fremd- und Eigenbild. Nur wenn beide im Einklang sind, kann ein schlüssiger Markenaufbau gelingen. Eine weitere Voraussetzung ist eine klare organisatorische Verantwortlichkeit für das Markenmanagement. Drittens sollte eine widerspruchsfreie und einheitliche Kommunikation stattfinden. Dazu gehört das persönliche Verhalten von Meinungsführern genauso wie alle Kommunikationsmedien und natürlich auch ein klares Corporate Design.
Welchen Wert hat eine Marke?
Marken können für unterschiedliche Ziele etwas »wert« sein. Menschen identifizieren sich mit einer Marke, bleiben ihr also treu und zeigen sich mit ihr. Marken helfen aber auch, den Gegenstand seinerseits schnell zu identifizieren und andere gar nicht mehr wahrzunehmen. Marken können zudem Vertrauen durch Qualität schaffen, in komplexen Situationen Orientierung geben und ein attraktives Image haben. Diese Funktionen sind nur scheinbar immateriell. Denn bei der Attraktivität einer Region für dringend benötigte Fachkräfte wird die Marke einer Stadt oder einer Region beispielsweise schnell zum personalwirtschaftlichen Faktor. In der Marketingwissenschaft gibt es darüber hinaus Hunderte von Berechnungsmodellen für den Markenwert. Sie helfen dabei, Marken zu bewerten, und geben beispielsweise Eigentümern und Investoren einen Eindruck vom monetären Wert des Unternehmens.
Welche Rolle spielt Internationalität für Marketing?
Zweifellos eine tragende Rolle. Große Unternehmen haben weltweit Kunden und richten ihre Organisation global aus. Marketingkampagnen müssen auf verschiedene Kulturkreise abgestimmt werden. Internationales Marketing ist aber nicht nur etwas für die Großen. Sehr viele mittelständische Firmen – auch in unserer Region – haben internationales Geschäft und brauchen Marketing- und Kommunikations- Know-how, das unterschiedliche Kulturen, Gesellschaften und Wirtschaftssysteme berücksichtigt. Internationalität betrifft dabei nicht nur die Unternehmen, sondern auch deren Agenturen. Egal, ob Kundenmagazin, Website oder Imagekampagne – oft spielt die Umsetzung in mehreren Ländern eine Rolle.
Wird hier Augsburgs Migrationsanteil von über 40 Prozent zum Standortvorteil?
Das kann durchaus sein. Falls Unternehmen Märkte bedienen, in denen spezifische kulturelle oder sprachliche Kenntnisse nötig sind, werden Fachleute mit passendem Hintergrund gute Chancen haben. Migrationshintergrund allein wird zwar nicht ausreichend sein. Aber in Kombination mit einer guten Qualifikation bieten sich auf jeden Fall interessante berufliche Perspektiven.
Wenn Marketing, Kommunikation und Internationalität so wichtig sind, wie reagiert denn die Hochschule Augsburg darauf?
Erstens vermitteln wir als Hochschule für angewandte Wissenschaften jungen Menschen nicht nur wissenschaftlich fundiertes Know-how, sondern auch dessen Relevanz für die Realität. Praxisnähe und der Kontakt zu Unternehmen spielen für uns eine große Rolle. So können wir die aktuellen Fragestellungen, aber auch Erfahrungen aus der Praxis direkt in die Lehre und Studienprojekte integrieren. Das gilt gerade auch für Marketing und Kommunikation. Zweitens haben wir Studienangebote entwickelt, die auf die Herausforderungen der Zukunft zugeschnitten sind. Beispiel eins: Der Bachelor-Studiengang »International Management« verbindet betriebswirtschaftliches Fachwissen mit interkulturellen Kompetenzen, Wirtschaftssprachen und einem obligatorischen Praxissemester im Ausland. Ein eigenes International Office und zahlreiche Partnerhochschulen machen außerdem Auslandssemester bis hin zu Abschlüssen an zwei Hochschulen gleichzeitig möglich – sogenannte Double Degrees. Beispiel zwei: Wir bieten allen Studierenden in der Vertiefungsphase ihres Studiums spezielle Marketingseminare und -projekte an. Die Bandbreite reicht von Corporate Communication über Business Profiling bis hin zu Business Behaviour, also kulturspezifischen Verhaltensregeln im täglichen Geschäftsleben.
Und wie geht es für Absolventen nach dem Bachelor dann weiter?
Der Arbeitsmarkt für Absolventen ist momentan hervorragend. Die meisten steigen nach dem Bachelor- Abschluss direkt ins Berufsleben ein. Es gibt viele interessante Jobs in fast allen Bereichen. Das Berufsspektrum ist viel abwechslungsreicher, als man glaubt. Bei Marketing denken viele zunächst an Werbeagenturen, Werbetexter und Gestalter. Wenn man genauer hinsieht, merkt man aber schnell, dass es noch eine Vielzahl anderer Berufsfelder im Marketing gibt: Strategieentwickler, Produktmanager, Fachleute für Direktwerbung, Corporate Publishing Manager, Mediaexperten, Cracks für Online-Marketing, Eventspezialisten und vieles mehr.
Sie gehen zum Wintersemester 2011/12 mit einem Masterstudiengang »Marketing/Vertrieb/Medien« an den Start. Was hat man sich darunter vorzustellen?
Mit diesem Masterstudiengang haben wir zusammen mit der Hochschule Ingolstadt etwas entwickelt, was es in dieser Form in Süddeutschland noch nicht gab. Gerade Unternehmen mit Marketing-, PR- oder Mediennähe brauchen Fachleute mit Marketing-, Vertriebs- und Medienwissen. Meist sind diese Wissensfelder in getrennten Studiengängen zu finden. In der Realität treffen die Disziplinen dann aber oft zusammen. Ein Beispiel: Ein Verlag für Kundenmagazine braucht Mitarbeiter, die das Produkt kalkulieren und den Kunden betreuen können. Sie müssen aber auch wissen, welche Sprache ihr Art Director spricht, worauf der Online Marketing-Kollege achtet und wie das Magazin multimedial verknüpft werden kann. Aus dieser Erkenntnis heraus haben wir ein neues Studienangebot entwickelt. Ein Modul »Kommunikationsdesign« ist übrigens auch dabei. Das bedeutet, dass wir nicht nur mit einer anderen Hochschule zusammenarbeiten, sondern auch zwischen unseren Disziplinen – Wirtschaft und Gestaltung – eine Verbindung herstellen.
Was zeichnet unsere Region Ihrer Ansicht nach aus?
Wirtschaftlich betrachtet ein sehr leistungsfähiger und innovativer Mittelstand mit guter Vernetzung mit Forschung und Lehre. Kulturell betrachtet eine bisweilen versteckte, aber an Höhepunkten sehr reiche und vielfältige Struktur. Landschaftlich und geografisch: eine hohe Attraktivität.
Was halten Sie in unserer Region für akut reformbedürftig?
Glücklicherweise geht es uns im Vergleich zu vielen anderen Regionen in Deutschland oder Europa sehr gut. Natürlich gibt es sozialpolitische oder infrastrukturelle Herausforderungen. Doch die muss man im Kontext sehen. Verbesserungsfähig sind meiner Ansicht nach die Offenheit für Neues und die Fähigkeit, im Sinne der ganzen Region Kräfte zu bündeln.
Verraten Sie uns Ihre Vision für die Region?
Ich sehe Bayerisch-Schwaben als eine wirtschaftlich erfolgreiche und kulturell attraktive Region, die eine gute Balance zwischen gelebter Tradition und großer Offenheit für Fortschritt gefunden hat sowie bei Bedarf mit einer Stimme sprechen kann. Sie ist identitätsstiftende Heimat für Menschen unterschiedlicher Herkunft, ein Ort für Macher, Tüftler und Kreative – und auch ein bisschen cool.
www.hs-augsburg.de
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