Ohne Ende kein Anfang
am 15.12.2011 veröffentlicht
Die Große Schwäbische in einer unwürdigen Endlosschleife
Ein Gastbeitrag von Frank Mardaus
Der BBK und die Große Schwäbische Kunstausstellung müssen sich ändern – und das rasch. Es wird wohl, wie Wolfgang Mennel, ein bekannter schwäbischer Künstler, am Rande der Vernissage äußerte, auf »eine Operation am offenen Herzen« hinauslaufen. Wie konnte es so weit kommen, dass anlässlich der Eröffnung einer lange Zeit bedeutsamen Ausstellung zeitgenössischer Kunst nur noch in Bildern der Medizin, nicht aber der bildenden Kunst gesprochen wird? Pflegefall oder Notfall?
Der Künstler Frank Mardaus ist Lehrbeauftragter an der Universität Augsburg. Er schreibt seit September 2011 gemeinsam mit seiner Frau
Caroline die a3kultur Serie »Vertraulich –Nur für den Dienstgebrauch«. Im März 2012 startet unter gleichem Titel im Höhmannhaus eine Ausstellung.
Er ist Mitglied des BBK und kulturpolitischer Sprecher der SPD in Augsburg. (Foto)
Die Spurensuche beginnt beim BBK, einem Berufsverband also, der mehr auf die korrekte Nennung seines Namens (nämlich Schwaben Nord und Augsburg e.V.) Wert legt als auf eine aktive Suche nach neuen Formen der Präsentation zeitgenössischer Kunst. Bei einem Vereinsvorstand, der verspricht, nicht zu lamentieren, und beständig genau das tut. Der kämpfen will, sich aber bereits versöhnt zeigt, wenn er mit einem Bezirkstagspräsidenten und einem Kulturreferenten Wege und Lösungen suchen darf. Ein solcher BBK muss sich erneuern.
Dies betrifft zuallererst sein langjähriges Markenzeichen, die Große Schwäbische Kunstausstellung. Seit nunmehr 63 Jahren präsentiert der Verband zusammen mit der Stadt Augsburg, die früher im Rathaus, nun im Zeughaus die Räumlichkeiten zu Verfügung stellt, eine Auswahl von Werken. Alle schwäbischen Künstler sind eingeladen, einzureichen. Warum aber wenden sich die Künstler ab? Ist es wirklich das Halteverbot am Zeughaus, welches die Stadt rigoros durchsetzt? Ist es nur der fehlende Kunstpreis, die traditionell schlechte Presse der AZ? Oder die mangelnden Ankäufe durch die städtischen oder staatlichen Sammlungen? Gewiss, all das trifft zu. Aber diese Widrigkeiten teilt diese Ausstellung mit vielen ihrer Zunft.
Entscheidend für die zunehmende, beinahe kollektive Absage der Künstler mit oder ohne große Namen ist die fehlende Bedeutung einer künstlerischen Auseinandersetzung am Ort ihrer Präsentation. Der lähmende, weil sich mechanisch wiederholende Ablauf findet seinen unrühmlichen jährlichen Höhepunkt in Satzfragmenten wie diesen: »… die Künstler zeigen … durch ihre vielfältigen Positionen … dass sie kreativ sind … man kommt ins Nachdenken … über den Zustand der Gesellschaft … überraschend neue Seiten.« So der Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert aus einer wohl sorgsam gehüteten WordDokumentvorlage.
Dementsprechend wird man über die Struktur des Publikums wenig überrascht sein. Dabei geht es keineswegs um das nominelle Alter: Es gibt für einen Künstler, wie – ebenfalls am Rande der Eröffnung – Florina Coulin betont, kein Rentenalter. Aber es geht um eine lebendige Auseinandersetzung mit einer breiten gesellschaftlichen Schicht von Kulturschaffenden. Während die Große Schwäbische von den Ausstellenden und denen, die sich in 63 Jahren daran gewöhnt haben, besucht wird, sieht es andernorts nach blühendem Leben aus. Und zwar ganz ohne (nennenswerten) Ankauf, Preis oder sonstiges Prestige: im lab.30, in der contemporallye, im Höhmannhaus, um nur einige Orte in Augsburg zu nennen.
Der Verband hatte sich über eine historisch lange Zeit zusammen mit der Stadt Augsburg um die bildende Kunst gesorgt. Ankäufe wurden getätigt, Kataloge gedruckt, Preise verliehen und – was damals erträglich, weil angemessen war – Sonntagsreden über die Kreativität der Künstler gehalten. Heute aber verspricht der Kulturreferent Ankäufe in der Ahnung, sie nicht finanzieren zu können. Heute haben sich die bildende Kunst selbst, ihre Präsentation im öffentlichen Raum und damit die Legitimation, sie zu fördern, gewandelt. Bildende Kunst muss sich, auch wenn sie von Juroren ausgewählt wird, die von den Künstlern selbst bestimmt werden, einen neuen Raum erobern, nämlich einen in der Gesellschaft bedeutsamen Raum. Ein Verband wie der BBK Schwaben Nord und Augsburg e.V. muss, will er nicht sterben, sich der Operation am offenen Herzen unterziehen.
Also sich mutig neu erfinden – auch an anderen Orten als in der Toskanischen Säulenhalle. Es ist dem Verband wie auch den darin organisierten Künstlern zu wünschen, dass eine neue Form der Veranstaltung gefunden wird. Alles ist besser, als – so dann der Bezirkstagspräsident in einer Abweichung von seiner üblichen Rede – »die 37 Jahre bis zum 100. Geburtstag« in lähmendem, vergreistem Siechtum weiterzuführen. BBK, das sollte nach mehr als nach Krankenkasse klingen.
Dieser Beitrag erschien in seiner Urfassung am 28. November in der DAZ. Für a3kultur hat unser Autor Frank Mardaus seinen Beitrag in einigen Punkten aktualisiert.
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