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Oberhausen

am 18.10.2011 veröffentlicht

Dieser Stadtteil reicht weit über seine Grenzen hinaus. Gleiches gilt für das Publikum ins seinen Bars. Ein Poträt von Jürgen Kannler.

Dieser Stadtteil reicht weit über seine Grenzen hinaus. Gleiches gilt für das Publikum ins seinen Bars. Ein Poträt von Jürgen Kannler.

 

Vor einigen Jahren zog ich mit meiner Familie  vom beschaulich-verschlafenen Hainhofen in ein  nicht weniger beschauliches Gründerzeithaus  mit hellen Räumen, Holzböden und Erkern am  Riedinger Park. Von den Fenstern der Wohnung  aus blicken wir direkt auf einen von Kastanienbäumen  umsäumten Kinderspielplatz. Unser  Haus liegt auf halbem Weg zwischen dem neuen  Arbeitsamt und der Druckmaschinenfabrik manroland.  In ihm leben Studenten, Frauen mittleren  Alters, die gehobenen Beschäftigungen nachgehen,  und ein Professor, der zwischen Augsburg  und Zürich pendelt. Es gibt eine türkische Familie  mit einer entzückenden kleinen Tochter, die  unserem vierjährigen Sohn schon mal den Kopf  verdreht, und eine ebenso freundliche wie scheue  Familie aus Afghanistan, von der ich nach all den  Jahren immer noch nicht weiß, aus wie vielen  Mitgliedern sie besteht.  

Lässt man sein Fahrrad über Nacht unabgesperrt  im Hof unseres Hauses stehen, ist es am nächsten  Tag mit sehr großer Wahrscheinlichkeit  nicht geklaut. Es gibt im Viertel genügend Läden,  um seine Einkäufe zu erledigen, und der Paketdienst  hinterlegt unsere Sendungen zuverlässig  beim afghanischen Opa.  

Es ist ruhig hier. Nur am Sonntag fährt die Polizei  verstärkt Streife. Dann kontrolliert sie, ob die Jugendlichen aus dem Viertel über den Zaun des  Sportplatzes geklettert sind, um eine Runde Basketball  zu spielen. An Sonntagen hält der Stadtjugendring  den Platz aus Etatgründen geschlossen  und die Polizei rückt aus, sobald ein Ball auf  den Boden prallt. Unser Sohn ist noch zu klein,  um am Sonntag über Spielplatzzäune zu klettern.  Wir fühlen uns wohl in unserer Nachbarschaft.  

  Obwohl wir hier »gefühlt in Oberhausen wohnen«, wie es der Immobilienmakler der Familie ausdrückte, die vor uns in dieser Wohnung lebte. Oberhausen reicht tatsächlich weit über seine eigentlichen Grenzen hinaus, insoweit  hatte der Makler recht, aber aus seinem Mund bekamen die Worte etwas Despektierliches. Und  trotzdem, fast könnte er einem leidtun, der Ignorant. Er, der Lebensqualität tatsächlich mit  dem Quadratmeterpreis gleichsetzt, wird dort,  wo Vielfalt ist, nämlich nur die Unruhe und das  Chaos sehen und er wird Angst davor haben.  

So verpasst man natürlich das Beste im Leben.  Wer schon einmal eine ausgiebige Expedition durch Oberhausen unternommen hat, der weiß,  wovon die Rede ist. Dass eine solche Melange ein  gutes Klima für den Erwerb von Lebensmitteln  abgibt, versteht sich von selbst. Und das gilt nicht nur für indische Gewürze, russisches Eis  und türkische Backwaren. Scheinbar decken die  Oberhauser ihren Fleisch- und Wurstbedarf  noch immer beim Metzger und nicht im Supermarkt. Kein anderer Stadtteil bringt es in diesem  Sektor auch nur annähernd auf eine solche  Versorgungsdichte wie das alte Viehhändlerstammland  zwischen Ulmer Straße und Bärenwirt.  Ob die kleine Metzgerei Kennel beim Josefinum, der vom Feinschmecker ausgezeichnete Meier oder die aus dem Banat stammende Familie  Butzug, sie gehör ten alle unter den speziellen  Schutz der UNESCO.  

Das trifft auch auf die Vielzahl an Cafés, Wirtschaften, Restaurants, Imbissbuden und Stehausschänken  zwischen dem Oberhauser Bahnhof und dem Liebiggarten zu, die für sich genommen schon eine Reise wert sind.  

Ein anatolisches Sprichwort sagt: »Du kannst in  Oberhausen jeden Sonntag zu einem anderen Wirt zum Essen gehen und an Neujahr steht du  trotzdem vor einem Lokal, das du noch nie gesehen hast.« Hier erfährt das Wort »Dönerverbot«  tatsächlich eine völlig neue Dimension. Aber wir wissen ja alle, was es mit Sprichwörtern und Slogans so auf sich hat, und schließlich darf am nächsten Tag auch nur mitreden, wer das Leben wirklich wagt.  

Die Tatsache, dass in den meisten dieser Restaurants in der Küche jemand steht, der wirklich kochen kann, macht den ersten Besuch sicher reizvoller. Nicht wenige Wirtsfamilien haben  sich im Laufe der Jahre von einfachen Kebabbudenbesitzern  zu Gastrounternehmern hochgearbeitet,  deren hungrige Kundschaft bis aus München anreist, um vernünftig zu essen. Und  Hand aufs Herz, welcher andere Stadtteil von  Augsburg kann das schon von sich behaupten?  Auch die Versorgungslage nach 22 Uhr ist in  Oberhausen bestens gesichert. Das vor allem bei  Taxifahrern beliebte Restaurant Zip Zip im legendären  ehemaligen Ulmer Hof ist eine solche 
Anlaufstelle. Bis in die frühen Morgenstunden  werden hier Suppen, Grillgerichte, Desserts und  Getränke serviert. Das Publikum ist erwachsen  und weniger betrunken als in den Dönerbuden  an der Maximilianstraße. Vielleicht verträgt es  aber auch nur mehr und macht aus seinem  Rausch nicht so ein Theater. Oder die Leute  haben hier einfach kapiert, was es heißt, den  anderen so zu nehmen, wie er ist.

Gleiches gilt natürlich auch für das Publikum der Bars, die in Oberhausen noch immer Stehausschänke heißen dürfen. Aufgereiht wie auf einer Perlenkette ziehen sie sich mit ihren teils verwegenen Namen durch den Kiez.  

Wer sich nicht für etwas Besseres hält und noch ein paar Münzen in der Tasche hat, um sein Bier zu bezahlen, ist willkommen und bleibt nicht  lange allein. Die musikalische Vielfalt reicht von rumsendem Balkanpop bis zu längst vergessen  geglaubten Zügen, die nach Nirgendwo fahren.
Es wird getanzt, gebaggert und getrunken. Man  würfelt um die nächste Runde, wirft Pfeile auf  die Dartsscheibe und immer sitzt so eine arme  Sau vor einem Geldspielautomaten und füttert  ihn mit Münzen.  

Und nicht selten wechseln die Gäste geschlossen  und mit der Belegschaft im Schlepptau die Bar, um gemeinsam ein paar Ecken weiter ein letztes  Bier zu trinken. Vom Vollgas bis in den Zapfhahn sind es schließlich keine fünf Minuten zu  Fuß, und wer will schon die ganze Nacht nur an einer Theke stehen, selbst wenn es die eigene ist.


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