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Kreativ Region a3

am 07.10.2011 veröffentlicht

Augsburger Satyr– Von jugendlichem Abenteuer, Kriminalgeschichten und einer Idee für unsere Kulturregion

Augsburger Satyr– Von jugendlichem Abenteuer, Kriminalgeschichten und einer Idee für unsere Kulturregion

Andreas Nohl, Schriftsteller, Kritiker, Übersetzer und Herausgeber, in einem Porträt von Verena Simon

In den Jahren 1876 und 1884 verfasste der amerikanische Schriftsteller Samuel Langhorne Clemens, alias Mark Twain, die Abenteuer der Freunde Tom Sawyer und Huckleberry Finn und erschuf damit zwei Charaktere, deren Erlebnisse jahrzehntelang für Jung und Alt zum Inbegriff jugendlicher Unbeschwertheit wurden. Viele Übersetzungen der Romane ins Deutsche folgten, so auch 1954 die Fassung der antifaschistischen Aktivistin und Übersetzerin Lore Krüger, die in den vergangenen fünfzig Jahren am weitesten in den deutschen Haushalten verbreitet war. Im selben Jahr wurde in Mühlheim an der Ruhr ein Mann geboren, der sich später in seiner Eigenschaft als Schriftsteller ebenfalls mit diesen Klassikern der Jugendund Weltliteratur beschäftigen sollte. Doch nicht nur Übersetzungen literarischer Werke gehören zu seinem Betätigungsfeld.

Andreas Nohl scheint, was seine Arbeit anbelangt, ein Mensch zu sein, der für vieles offen ist und gerne Neues ausprobiert – das beweist die Betrachtung seines facettenreichen bisherigen schriftstellerischen Wirkens. Nach seinem Philosophie- und Amerikanistikstudium in Berlin, Frankfurt und San Francisco veröffentlichte er 1978 unter dem Titel »Verfolgung des Bartholomé « seine ersten Erzählungen und erhielt dafür den Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung. 1985 und 1993 folgten die Bücher zwei und drei, »Amazone und Sattelmacher« und »Hieronymus – Chronik eines Verrats«. Für Ersteres erhielt er den Bayerischen Staatsförderpreis. Ab 1990 wirkte Nohl als Literaturkritiker unter anderem für Die Zeit und die Neue Zürcher Zeitung. 2004 erschien dann der Band »Das Handwerk des Schreibens. Essays und Kritiken zur Literatur«. Bekannt wurde er auch durch zahlreiche Übersetzungen, die er vor allem in den letzten zehn Jahren verfasste. Dabei widmete er sich sowohl literarischen als auch wissenschaftlichen Werken in amerikanischer Sprache.

Eine neue Art von Südstaatenflair

Am populärsten dürfte wohl die Übersetzung sein, die er im letzten Jahr veröffentlicht hat – die der abenteuerlichen Geschichten von Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Noch nie zuvor, so die Meinung der Kritiker, war es gelungen, die Nähe zum ursprünglichen amerikanischen Text so eng zu halten und trotzdem eine so lebendige und spannende Umsetzung ins Deutsche zu schaffen. Nohls flüssig lesbarer Text stellt eine völlig ungekünstelte Version der Romane dar und ermöglicht dadurch eine neue Wahrnehmung der Abenteuer der Jungen im Alltag der amerikanischen Südstaaten im 19. Jahrhundert. Die Übersetzung dürfte für Nohl auch ein persönlicher Erfolg gewesen sein, da die Abenteuer von Tom und Huckleberry seine eigene Kindheit und Jugend begleitet haben. Seine Übertragung gibt die Geschichten der Freunde nun in neuer Auffassung an die heutige deutsche Gesellschaft weiter.

Tendenz zum Mythischen?


Beschäftigt man sich mit seinen Werken, kann leicht der Gedanke aufkommen, dass er sich oft mit Themen auseinandersetzt, die eine mythische
Wirkung haben. Sowohl der Inhalt seiner Erzählungen als auch der Titel seiner seit 2005 herausgegebenen Literaturzeitung »Augsburger Satyr« zeugen von seiner Beschäftigung mit der Mythologie. Doch der Schein trügt. Nicht die Mythologie, sondern die Religion ist es, die er oft in seine Werke einbezogen hat – und das, obwohl er, wie er selbst sagt, »nicht sehr religiös« ist. Dennoch ist er davon überzeugt, dass Religion eine »sehr wichtige Sache« ist, da »der Glaube über das hinausgeht, was der Fall ist«, soll bedeuten, dass durch Religion die Möglichkeit entsteht, über den »Jetztzustand« hinauszudenken, und damit die Hoffnung, »dass die Welt besser werden kann«. An Nohls Aussagen lässt sich die ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem Themenkomplex ablesen. Ebenso verhält es sich mit dem »Augsburger Satyr«. In seiner Studentenzeit durch die satirische Zeitschrift »Die Fackel« von Karl Kraus gefesselt und inspiriert, erwachte bald der Wunsch in ihm, eine eigene Zeitung zu gründen. Doch der »Satyr« sollte mehr sein als nur ein satirisches Blatt. Angelehnt nicht nur an die Satire, erscheinen die Artikel in einer Art und Weise, wie sich die extreme Existenzform des Satyrs selbst darstellt – und genau das scheint es zu sein, was die Radikalität der Literaturzeitschrift ausmacht.

Wahlaugsburger mit Änderungsvorschlägen


Vor etwa 15 Jahren kam Andreas Nohl nach Augsburg. Zunächst war sein Umzug hierher »keine Sache von Attraktivität«, sondern hatte schlichtweg familiäre Gründe. Mittlerweile betrachtet er Augsburg, vor allem das Umland der Stadt, als sehr schön. Andreas Nohl ist hier angekommen. Das wurde aber, seiner Ansicht nach, erst durch die enorme Wandlung möglich, der sich die Stadt in den letzten Jahren unterzogen hat. Sie hat sich »modernisiert und entfaltet«, sodass er sich heute in Augsburg wohlfühlt. Doch trotzdem ist er der Meinung, dass noch vieles verändert werden kann. Was das Kulturleben anbelangt, hat er sogar ein eigenes Konzept entwickelt, das ein gemeinsames »Kultur- und Naturcluster« von Augsburg, Ulm und dem Umland der beiden Städte beinhaltet. Durch das Kulturleben der Städte und die Naturhighlights ihrer Umgebung könnte sich eine vielseitige und erfolgreiche Region entwickeln, die es durch ihr attraktives Angebot in touristischer Hinsicht gut mit anderen umliegenden Regionen auf nehmen könnte. Den politischen Blick in diese Richtung vermisst er, ebenso »das intellektuelle Leben in der Stadt selbst«. Dass die Hochschulen in den 1970er-Jahren abseits vom Zentrum der Stadt erbaut wurden, war in seinen Augen »eine große Fehlentscheidung«, durch die die Stadt heute viel an Attraktivität eingebüßt hat. Zentrumsnahe Institute der Hochschulen wären, so Nohl, eine bessere Lösung. Darüber hinaus hat er gemeinsam mit dem Augsburger Autor Peter Dempf die Idee entwickelt, Augsburg mit einem »Fugger- Historienspiel« ein regelmäßiges, jährlich auf der Freilichtbühne stattfindendes Event zu bieten, das »Augsburg als Festspielstadt in Deutschland etabliert«.

Mysteriös und rätselhaft

Nicht Mythologie, aber ein Hauch von Mysterium weht doch durch seine schriftstellerische Arbeit. »Gruselgeschichten und Krimis«, seiner Ansicht nach »sehr wichtige Gattungen«, haben es ihm angetan. Sein eigenes Können auf diesem Gebiet wird er in seinem nächsten Projekt im kommenden Jahr unter Beweis stellen: Zum 100. Todestag des irischen Schriftstellers Bram Stoker lässt er dessen blutsaugenden Graf Dracula wiederauferstehen, erstmals in deutscher Übersetzung der ungekürzten Originalfassung. Auch Nohls aktuelles Projekt spiegelt seine Faszination für das Unerklärliche und Rätselhafte wider. »Ludwig II. – Ich bin der König der Nacht« lautet der Titel der Aufführung am 30. September im Parktheater im Gögginger Kurhaus – eine literarisch-musikalische Darbietung, in der Nohl selbst die Rolle des Sprechers übernimmt. Das Leben des Königs wirft viele Fragen auf, ebenso kann man seinen mysteriösen Tod als eine wahre Kriminalgeschichte lesen. Eigentlich genau das, was Nohls vielseitigen Interessen entspricht.

entwickeln, forschen, gestalten
Unter diesen Begriffen stellen wir in a3kultur im Rahmen einer neuen Serie Menschen und ihre Projekte vor, die in unserer Kreativregion a3 ihr neues Zuhause gefunden haben.

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