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Jagdszenen im Graphischen Kabinett

am 29.01.2012 veröffentlicht

Grafiken von Johann Elias Ridinger und seinen Zeitgenossen

Grafiken von Johann Elias Ridinger und seinen Zeitgenossen

Die Jagd war eine Beschäftigung des Menschen seit uralten Zeiten. Der Mensch ist ein Fleisch(fr)esser und Fleisch für das Essen kann nur durch Jagd erworben werden. Zunächst war Jagd eine gefährliche Beschäftigung für kräftige Männer – versuchen Sie ein wildes Schwein oder einen Büffel zu erbeuten, wenn Sie nur einen Speer mit einem Kieselspitzen haben. Auch die Erfindung von metallischen Messern hat die Jagd kaum weniger gefährlich gemacht. Die Jäger gingen in den Kampf mit einem Tier, um ihre Gruppe zu ernähren.
Die zufällige (so behauptet man) Erfindung des Franziskaners Berthold Schwarz hat die Situation stark zu Ungunsten der Tiere verändert. Jetzt wurde die Jagd aus einem Kampf in einen Abschuss derjenigen Tiere umgewandelt, die der Jäger aufspüren konnte. Auch der Kreis derjenigen, die zur Jagd berechtigt waren, hat sich verändert. Die Waffen in Europa wurden immer streng kontrolliert, nur Soldaten, Jäger, das heißt die professionellen Jäger, und Adelige durften sie haben. Einem einfachen Menschen war es verboten, eine Waffe zu haben. Nicht nur ein Gewehr, auch ein Degen oder ein Dolch war bei weitem nicht jedem erlaubt. Der in dem Maximilianmuseum ausgestellte persönliche Degen von Elias Holl, der weder Adeliger noch Patrizier war, ist ein Zeugnis seiner hohen gesellschaftlichen Stellung in der Stadt.
Andererseits hat dieselbe Erfindung auch den Charakter der Unterhaltungen der Adeligen verändert. Außer dem Militärdienst war für einen Adeligen nur die Politik und noch sieben freie Künste gebührend. Aber diese forderten ein bestimmtes Niveau der Bildung, die früher nicht zu den Gewohnheiten der Adeligen gehörte, deshalb hat ihre „Haupttätigkeit" in der alten Zeit einen Militärcharakter – entweder eine Schlacht mit einem Feind, oder eine Beraubung der Nachbarn. Die Unterhaltungen und Tugenden hatten dementsprechend auch einen Militärcharakter. Wenn die Schusswaffe die Ritterduelle - Zweikämpfe aufgehoben hat, wurde die Jagd zu den für die Adeligen „gebührenden“ Beschäftigungen gezählt. Nein, nicht als Erbeutung der Tiere, sondern als öffentliche Unterhaltung, als die Möglichkeit sich zu demonstrieren. Wenn früher anlässlich der Hochzeit einer Grafen- oder Herzogstochter zusammen mit einem Ball auch ein Ritterturnier veranstaltet wurde, so wurde jetzt zusammen mit einem Ball eine Jagd veranstaltet.
Falls Sie irgendwann in den Museen die altertümlichen Waffen sahen, haben Sie sicher bemerkt, dass gerade die Jägerwaffen reich ausgeschmückt waren. Auch die übrige Ausstattung eines adeligen Jägers war eher ein Kunstwerk, als eine einfache praktische Sache.
Der Status der Jagd als einer Unterhaltung hat auch die Jagd verändert, mit der sich der Adel amüsierte. Es wurde die Falkenjagd wiederbelebt, welche riesige Kosten für das Training der Falken und eine Menge des Hilfspersonals erforderte. Es entstand die Parforcejagd, bei der das Wild bis zu ihrer Erschöpfung gehetzt wurde. Diese Jagd war tatsächlich ein Wettbewerb im Geländereiten, wobei das Tier nur Vorwand war, die Aufwände auf eine solche Jagd übertraten den Wert der Erbeuteten um ein Vielfaches. Das Tier – die künftige Beute – wurde als etwas Seelenloses, für die Jagd Vorbestimmtes betrachtet: Die öffentliche Meinung stützte sich auf den göttlichen Hinweis, den die Menschen nach der Sintflut bekommen haben, wonach den Menschen alle Tiere zur Nahrung gegeben wurden. Die Erzählungen von Seton Thompson erschienen viel später.
Die bildende Kunst, die von den Geschmäckern der Zahlenden abhing, folgte auch diesen Veränderungen. Die Ölbilder, die Jagdtrophäen darstellten, waren bei weitem nicht von jedem bezahlbar, eine Radierung war dagegen auch weniger wohlhabenden Personen zugänglich. Modisch wurden die Darstellungen der Jagdszenen. Die Arbeiten des Augsburger Kupferstechers Johanns Elias Ridinger, die auf der Ausstellung im Graphischen Kabinett vorgestellt sind, genossen in ihrer Zeit eine solche Nachfrage, dass er ein wohlhabender Mensch wurde, was für Kupferstecher in dieser Zeit eher ungewöhnlich war.
Der Jagdinstinkt ist im Menschen auch heute nicht verloren gegangen. Auch heute existieren zwei vollkommen verschiedenen Arten der Jagd. Eine ist eine professionelle Arbeit der Jäger, die planmäßig die Tiere abschießen, um das ökologische Gleichgewicht, das von der Menschentätigkeit vollkommen zerstört ist, zu regulieren. Die zweite ist eine sportliche Jagd. Wenn Sie die Ausstellung „Jagen und Fischen“, die vor kurzem in Augsburg stattfand, besucht haben, so konnten Sie sich davon überzeugen, wie viel Geld Jagdausrüstung kostet und wie heute die sportliche Jagd in eine farbenreiche feierliche Handlung (oder wie es heute modisch zu sagen Performance) umgewandelt wurde.
Schauen Sie sich die Jagdszenen in der Darstellung von Ridinger und seiner Zeitgenossen an. Sie sind nicht nur aus künstlerischer Sicht sehr gut, sie spiegeln auch die Geschmäcker und Sitten des 18. Jahrhundertes wider und sind echte historische Dokumente.
Sie können die Ausstellung bis zum 15. April anschauen, der Eintritt in das graphische Kabinett ist kostenlos.
(Iacov Grinberg)

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