|
|
Golf
am 11.01.2012 veröffentlicht
Ein Sport, bei dem man rauchen darf. Eine Stecker ziehen-Kolumne von Jürgen Kannler.
Als vor einigen Jahren ein guter Freund nach einem längeren Aufenthalt an der Universität von Edinburgh den Weg zurück nach Hause fand, da brachte er außer einigen Flaschen Single Malt und einem Haggis-Rezept, das er gerne für sich behalten durfte, auch die Faszination für Golf mit.
Er erzählte viel von wunderbaren Nachmittagen, an denen er, zufrieden mit sich und dem schottischen Wetter, Zigaretten rauchend und Whiskey trinkend seinem Sport nachging. Da Golf in Schottland erfunden wurde, ist es selbstverständlich, dass es dort als Sport für jedermann gilt. Zum Preis einer Tasse Kaffee samt Kuchen kann man auf den schönsten und ältesten Plätzen der Welt, oft mitten in der Stadt gelegen, seiner Leidenschaft nachgehen. Aber natürlich finden sich in der Heimat des Wirtschaftsliberalisten Adam Smith auch einige Clubs, für deren Jahresmitgliedschaft glatt ein Neuwagen zu haben wäre. Ihnen allen gemein ist jedenfalls ein Selbstverständnis, das allzu eitlem Geckentum, wie man es als argwöhnischer Nichtgolfer zumindest in deutschen Clubs vermuten möchte, wenig Raum bietet.
Das alles machte mich neugierig. Bisher kannte ich diesen Mix aus körperlicher Betätigung und Suchtbefriedigung nur vom Boulespielen und vom Kegelabend meiner Eltern lange Zeit vor dem bayernweiten Rauchverbot. Ich begleitete meinen Freund auf einen der öffentlichen Golfplätze, die auch Menschen ohne Clubzugehörigkeit Spielmöglichkeit bieten, und fand Gefallen am Golf. Zur Geburt unseres Sohnes bekam ich einen Gutschein zur Erlangung der Platzreife in Form einiger Trainerstunden geschenkt. Noch heute schätzen wir als Familie die damit erworbenen Auszeiten von der Dreisamkeit.
Das Geschäft mit dem Golftraining ist weltweit fest in schottischer Hand. Wenn ein Schotte das 40. Lebensjahr überschritten hat, so erzählt man sich, setzt ihn seine Frau nicht selten auf dem europäischen Festland aus, mit nichts weiter ausgestattet als seinem Golfbag, einem Flachmann und einer Sammlung lustiger, nicht immer jugendfreier Geschichten, auf dass er Golftrainer werde oder Pro, wie es in Fachkreisen heißt.
Mein Golflehrer war natürlich Schotte. Ein prächtiger Kerl im besten Mannesalter, der mir gut gelaunt und rauchend die Grundlagen des Spiels vermittelte. In seinem hinreißend knarzenden Slang verriet er mir auch, wie ich irgendwann zu einem guten Golfer werde könne, nämlich durch spielen, spielen und nochmals spielen. Auf meiner Prüfungsrunde begleitete er mich und spielte die neun Loch mit nur einem einzigen Schläger. Sein Ergebnis lag sieben über Par. Damit hätte er gute Chancen auf die Clubmeisterschaft gehabt. Dieser Tag bestätigte, was ich schon immer geahnt hatte: Es kommt beim Sport nicht immer auf das Material an, was zählt, ist der Geist. Zum Abschied erstand ich bei meinem Pro ein gebrauchtes Set samt Tasche für den Gegenwert eines ordentlichen Abendessens. Ich besitze es übrigens noch heute.
Mit der frisch erworbenen Platzreife in der Tasche machte ich mich auf die Suche nach einem Club. Ich verschaffte mir innerhalb weniger Monate einen Überblick, welche Plätze für mich infrage kämen. Um dort überhaupt spielen zu dürfen, musste ich jedoch vorübergehend Mitglied in der Vereinigung freier Golfer werden oder eine dubiose Fernmitgliedschaft in einem Club weiß der Kuckuck wo anstreben. Diese albernen Hindernisse sind wohl ein Grund dafür, warum Golf hierzulande immer noch Akzeptanzprobleme hat. Schließlich fragt an der Kasse des Skilifts auch niemand nach meiner Mitgliedschaft in einem Skiclub.
Rund um Augsburg gibt es ein wachsendes Netz von Plätzen unterschiedlichster Qualität. Ich testete alle, die einen Neuling spielen lassen, im Alleingang aus. Den Rest erledigte ich mit der Hilfe von Freunden, die aufgrund ihrer Stellung in der Automobilindustrie oder bei Finanzdienstleistern den halben Sommer damit zubringen müssen, auf Golfplätzen Turniere zu spielen, die wiederum von Automobilunternehmen oder Finanzdienstleistern ausgerichtet werden. Nach diesen Proberunden traf ich meine Entscheidung aufgrund einer einfachen Rechnung. Alle unbezahlbaren Plätze schieden von vornherein aus. Danach wurde die Erreichbarkeit des Platzes mit seiner Verfügbarkeit verglichen. Was nützt mir die beste Anlage um die Ecke, wenn ich drei Tage vorher anfragen muss, ob ich spielen darf? Dieses Ergebnis muss mit der Platzbeschaffenheit, der allgemeinen Atmosphäre und den spezifischen landschaftlichen Reizen abgewogen werden. Zum Schluss wird stichprobenartig die Idiotendichte der jeweiligen Clubs ermittelt. Verlässliche Anhaltspunkte für diesen Wert liefern Indikatoren wie die Menge der Golfkindereltern an einem Nachmittag unter der Woche, die Farbskala der Spieleroutfits oder die beobachteten Betrugsversuche der Mitglieder bei Turnieren. Bei diesem Verfahren gibt es naturgemäß kein Falsch oder Richtig. Jeder landet irgendwann bei dem Club, der zu ihm passt. Mich verschlug es in die Golfanlage Weiherhof.
Die Jahresmitgliedschaft kostet hier in etwa dasselbe wie drei Tage Urlaub in einem passablen Skigebiet. Mitten in den Westlichen Wäldern liegt diese nicht ganz einfach zu meisternde Neun-Loch-Anlage. An manchen Tagen flucht man über die Greens, die durch ihr hinterhältiges Gefälle das Einlochen oft genug zum Glücksspiel werden lassen. Entschädigt wird man dafür durch die wunderbare Aussicht, die man von allen Ecken der Anlage genießen kann, und die Tatsache, dass es hier selbst an schönen Samstagnachmittagen kaum Gedränge um Startzeiten gibt. Ein perfekter Ort zum Steckerziehen. Das Clubhaus erinnert an eine Hütte des Alpenvereins, allerdings mit mehr Komfort und unbedingter Sauberkeit im Hygienebereich. Die Getränke kommen aus dem Automaten und nach Turnieren werden herzhafte Speisen gereicht, bevor man nach der Siegerehrung zum selbst gebackenen Kuchen übergeht. Hier regiert Anneliese Tite, die gute Seele am Weiherhof. Ihr Gatte, ein Zahnarzt mit einstelligem Handicap, regiert den Club wie ein kleiner König. Das ist okay, denn die Führung eines Golfplatzes muss nicht unbedingt von basisdemokratischen Vereinsmeiern erledigt werden. So ist König Dan Präsident, oberster Baggerfahrer und Golfplatzarchitekt in Personalunion. Außerdem ist er amtierender Champion der bayerischen Clubpräsidenten, sein riesiger Pokal schmückt das Clubhaus.
Obwohl man zugeben muss, dass die Anlage in den letzten Jahren in mancher Hinsicht gewonnen hat, ist König Dans Qualifikation als Platzgestalter bei den Spielern umstritten. Auf die Varianten des neu angelegten B Course könnten einige offenbar ganz gern verzichten. Allerdings scheint es den meisten Mitgliedern am Weiherhof ebenso gut zu gefallen wie mir. Vom Baggerfahrer bis zum Banker begegnet man meist recht angenehmen Charakteren, die die beim Golf geforderte Etikette problemlos auch ohne Regelbuch einhalten würden. Und das sollen uns die Fußballer erst einmal nachmachen.
Zurück
|