Für immer online
am 05.12.2011 veröffentlicht
Lena Posch über die unverzichtbare Anwesenheit im Netz
Das ist gerade noch mal gut gegangen. Um ein Haar hätte mich diese unsägliche Verpflichtung des Lebens namens Urlaub von der Außenwelt isoliert. In einer Hängematte die Seele baumeln lassen hat zwar auch seine Vorzüge, aber ist es das wirklich wert, auf die Anwesenheit im Netz zu verzichten? Was, wenn ich in Vergessenheit gerate? Nein, mein digitalisiertes Ich darf nicht sterben!
Nach einer Panikattacke und tiefer Verzweiflung hat sich das digitale Zeitalter ein weiteres Mal profiliert. Banal und genial zugleich. Ich engagiere eine Urlaubsvertretung. Darf ich vorstellen: Dustin, der Systemadministrator. Er ist einer von fünf Social Sittern, buchbar über die App »Social Sitter«
Dustin (Foto) wird sich in meiner unvermeidbaren Urlaubszeit um mein Facebook-Profil kümmern. Er klickt, likt, kommentiert und postet sich quer durch mein soziales Network. »Onliner geht nicht!« Der User kann seine Zweitidentität aus fünf verschiedenen Charakteren auswählen: Renate, die Hausfrau, Jenny, die Kosmetikerin, Tom, der Fitnesscoach, Kim, die Studentin oder eben Dustin, der Systemadministrator.
Der Aufschrei ließ nicht lange auf sich warten. Meine Freunde und die Familie kaschierten ihre Fassungslosigkeit mit einem verächtlichen Aufschnauben. Ist es schon so weit gekommen, dass die Anwesenheit im Netz unverzichtbar wird? Die Provokation funktioniert. Der vermeintliche Erretter der Verdammten der analogen Welt ist die Werbeagentur Kolle Rebbe, die mit diesem ausgeklügelten Schachzug die heiß umkämpfte Aufmerksamkeit auf sich zieht. Denn das ist perfektionierter Trash auf höchstem Niveau! Die Werbeagentur balanciert mit geschlossenen Augen sicher auf dem schmalen Grat zwischen Schamlosigkeit und Satire. Der Werbespot mit wohlig-warmer Verkäuferstimme und einfacher Animation erinnert verdächtig an Apple. Und der Präzisionsschlag aus der Hinterhand, nämlich die Vorstellungsvideos, treffen in die Mitte der Klischeeweichteile.
Kim, die Studentin, studiert im 14. Semester, isst vegan und ist politisch links sehr engagiert, erklärt sie mit langsamer THC-Stimme. Dustin, der Nerd, befindet sich in seiner natürlichen Umgebung, einem Kellerloch mit fünf (das ist keine Übertreibung) leuchtenden Bildschirmen im Hintergrund. Er findet Charakterbuilding geil, man trifft ihn auf Wacken und seine Freunde heißen Fussel, Wolle und Reuter. Eine glänzende Werbeverpackung für eine Satire auf unsere Gesellschaft, die uns vor Augen führt, was alles denkbar wäre bei der derzeitigen verdrehten sozialen Kommunikation, die sich immer mehr ins Netz verlagert. Also definitiv hip. (Lena Posch)
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