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Erlösung unter freiem HimmelEin Gastbeitrag von Katharina John
Am 23. Juni startet die Saison auf der Freilichtbühne
Gastbeitrag von Katharina John
Die Erfahrung, den Naturgewalten ausgeliefert zu sein, ist eine, die sich dem modernen mitteleuropäischen Menschen in seinem urbanen Lebensraum – zumindest in Augsburg – beinahe völlig entzieht. Er bewegt sich in der Regel in gut klimatisierten Räumlichkeiten. Zwischen Sommer und Winter ist nur ein Minimum an klimatischer Anpassung durch wärmere oder luftigere Kleidungsstücke nötig. Arbeitet man darüber hinaus zum Beispiel an einem Theater und überwiegend in einem durch künstliches Licht erhellten Bühnenraum, verliert man leicht nicht nur Temperaturunterschiede, sondern auch die sich durch einen bestimmten Helligkeitsgrad dokumentierenden Tageszeiten aus den Augen. Einmal im Jahr verändert sich diese Lebenssituation: Wenn sich in das unbeständige Wetter zunehmend kurze Phasen mit tropischen Temperaturen unter die zahlreichen Regengüsse mischen, beginnen in Augsburg die Vorbereitungen für die Freilichtbühnensaison. Ans Tageslicht gezerrt werden Künstler und Techniker, die übers Jahr eine grottenolmähnliche Färbung angenommen haben. Von einem Tag auf den anderen müssen sie Wind und Wetter trotzen und verzweifeln nicht selten daran, dass der Gott der Witterung ihnen einen Strich durch ihre dichte und wohlkalkulierte Zeitplanung macht. Irgendwann beginnen sie Freude und Ehrfurcht angesichts der Tatsache zu empfinden, dass die gesellschaftlich überall propagierte »Machbarkeit« auch irgendwo ihre Grenzen findet. Nach sich wiederholenden, aber völlig vergeblichen Versuchen, die Natur durch Beschwörung fester Probenzeiten in die Knie zu zwingen, überlässt man sich früher oder später der Macht der Naturgewalten. Die Kleidung wird pragmatisch, die Seele gelassener, in Probenpausen rottet man sich zusammen und frönt einer schlichten, aber ebenso leckeren Küche, deren Hauptbestandteil aus gebratenen Würstchen besteht. Kurz: Der Mensch nähert sich in dieser Zeit einem archaischen Lebensstil, den er schon lange überwunden glaubte. Wenn sich die Eckpfeiler, die den eigenen Arbeitsalltag gliedern, in solch eklatanter Weise verändern, entsteht eine neue Perspektive, die einem als Theatermacher die Idee von Theater als einem religiösen Ritual unter freiem Himmel wieder plausibel werden lässt. Naturgewalten, Weite, Unkalkulierbarkeit sind nicht die schlechtesten Erfahrungen in der Beschäftigung mit Wagners »Fliegendem Holländer«, der in diesem Jahr am 23. Juni die Freilichtbühnensaison eröffnet. Wagners persönliche Schreckenseindrücke bei einer stürmischen Überfahrt – er musste mit seiner Frau Minna und Neufundländer Robber von Riga aus nach London fliehen – vermischten sich mit literarischen Reminiszenzen, der Sage vom Fliegenden Holländer, wie er sie in Heinrich Heines Erzählung »Aus den Memoiren des Herrn von Schnabelewopski« gelesen hatte, mit dem Rauschen der stürmischen See und den Liedern der Matrosen zu einer eigenen Vision, die er 1841 in seiner fünften Oper zu Papier brachte. Die Musik des »Holländers« entstand in atemberaubender Geschwindigkeit in einem Zeitraum von nur sieben Wochen. Der 28-jährige Wagner verfasste das Werk in Paris, der legendären »Hauptstadt des 19. Jahrhunderts«, in der er sich nicht nur eine berufliche Zukunft erhoffte, sondern auch mit besonderer Drastik Bekanntschaft machte mit den Folgen von Industrialisierung und modernem Kapitalismus. Er ist den politischsozialen und philosophischen Ideen von Theoretikern wie Gutzkow, Proudhon und Feuerbach gegenüber aufgeschlossen und träumt von einer Revolution, an deren Ende der freie Mensch stehen soll. All diese Einflüsse schlugen sich im »Fliegenden Holländer« nieder und formten den Stoff zu einem zeitlosen Mythos. Im Mittelpunkt des »Holländers« steht ein Paar, das sich in seinen Sehnsüchten und Projektionen optimal ergänzt. Eine persönliche oder gar Liebesbeziehung kann man das Verhältnis von Senta zum Holländer nicht nennen, denn die beiden nehmen einander ausschließlich über die jeweilige Funktion wahr, die einer für den anderen erfüllen kann. Der Tauschhandel heißt: Erlösung durch Treue gegen Erlösung durch die Ermöglichung einer Tat, die Senta aus ihrem Mikrokosmos heraushebt und zur Heldin eines bestehenden, unabgeschlossenen Mythos werden lässt. Hier finden zwei, die hoffnungslos verloren sind, das optimale Gegenstück. Der Holländer ist eine Sagengestalt, durch seine Geschichte der Zeit enthoben und der unerträglichen Unendlichkeit anheimgegeben. Als das Kap der Guten Hoffnung noch als unumschiffbar galt und damit als gleichsam gottgegebene Landmarkierung gegen die Unterwerfung der Welt durch den Menschen, wollte er diese Grenze nicht akzeptieren. Ihm gelangt die Umsegelung um den Preis seiner Verdammung zur ewigen Rastlosigkeit auf den Weltmeeren. Der Tod ist ihm verwehrt, denn die Bedingung, unter der er ihn erreichen könnte, scheinbar unerfüllbar: Alle sieben Jahre hat er die Chance, an Land zu gehen und durch die Treue einer Frau sterblich und damit von seinem Schicksal befreit zu werden. In Senta, der Tochter Dalands, trifft er auf eine starke, eigenwillige junge Frau, die fremd in ihrer Umgebung von einer träumerischen Mission erfüllt ist. Senta ist gefangen in einer Welt der Produktion. Sie erfüllt, was andere von ihr verlangen, spürt gleichzeitig den existenziellen Mangel in ihrem kleinen Kosmos und rebelliert. Ihre Sehnsucht kristallisiert an einer Sage, die offenbar schon das Gefäß der Fantasien Marys, ihrer mütterlichen Gouvernante, gewesen ist. In einem genialen Kunstgriff hat Wagner die Grundkonstellation seiner Oper in Sentas »Ballade vom Fliegenden Holländer« vorgeprägt. Aus ihr leitet die Tochter Dalands eine Handlungsanweisung ab, die ihrer Sehnsucht nach Größe, nach einer Tat von Relevanz, angemessen erscheint. Sentas Eindruck von Sinnlosigkeit und die Ignoranz ihrer Umgebung, die nicht bereit ist, sie in ihrer Individualität positiv wahrzunehmen, lassen sie aus ihrer Fantasie eine Gestalt und einen Kontext gebären, innerhalb dessen sie mit einer existenziellen und pathetischen Tat Größe beweisen und ihrem Leben Sinn verleihen kann. Sie vollendet die Ballade, indem sie selbst zur übergroßen Akteurin des Untergangs wird. So wie Senta die Geister aus ihrem eigenen Innern gebiert, wird auch die Freilichtbühne zum Schauplatz der Legende vom »Fliegenden Holländer«. Christian Sedelmayer, gleichzeitig Regisseur und Bühnenbildner der Augsburger Produktion und jüngst für seine Inszenierung von Prokofjews »Feurigem Engel« am Nationaltheater Weimar für die beste Opernregie 2010 nominiert, setzt auf die Fantasie des Zuschauers. Anstelle eines romantischen oder die Spielorte realistisch markierenden Bühnenbilds regen einzelne, wuchtige Versatzstücke dazu an, die mythischen Situationen lebendig werden zu lassen, die immer aus der Psyche der Figuren wahrnehmbar werden. Die Bühne wird zum Meer, zur Spinnstube; die Stoffe der Kostüme stammen aus der Fabrikation des Textilmuseums und schlagen einen Bogen von der Spinnstube über die Entstehungszeit der Oper zu den Anfängen der Augsburger Textilindustrie.
»Der fliegende Holländer« mit Sally du Randt, Kerstin Descher/Stephanie Hampl, Christopher Busietta, Guido Jentjens, Ji-Woon Kim, Stephen Owen, dem Opernchor und Orchester des Theaters Augsburg vom 23. Juni bis 28. Juli auf der Freilichtbühne. Musikalische Leitung: Rune Bergmann
Katharina John wurde 1970 in Heidelberg geboren. Nach dem Studium der Germanistik, Geschichte und Politischen Wissenschaften bekam sie ihr erstes Engagement als Regieassistentin an den Bühnen der Landeshauptstadt Kiel. Seit 16 Jahren ist sie Musiktheaterdramaturgin für Oper, Konzert und Ballett, unter anderem am Saarländischen Staatstheater und an der Deutschen Oper Berlin. Sie arbeitete mit Regisseuren wie Joachim Schlömer, Christoph Schlingensief, Jürgen Gosch, Philipp Stölzl, Andreas Kriegenburg, David Pountney, Alexander von Pfeil, Lorenzo Fioroni und Roland Schwab sowie den Choreografen Christian Spuck, Stephan Thoss, Mario Schröder und Marguerite Donlon zusammen. Seit Januar 2011 ist Katharina John Chefdramaturgin am Theater Augsburg und hat zugleich die Geschäftsführung für die Sparte Musiktheater übernommen.
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