a3kultur
Slideshow



Slideshow image
Slideshow
Slideshow

Entschleunigen

am 13.02.2011 veröffentlicht

Ein Selbstversuch von Jürgen Kannler

Ein Selbstversuch von Jürgen Kannler

Zur richtigen Zeit den Stecker zu ziehen heißt auch über sich selbst zu bestimmen. Ein guter Ort dafür ist zum Beispiel das Restaurant auf dem Augsburger Stadtmarkt.

Das Restaurant Marktgaststätte ist ein guter Platz zum Entschleunigen. Gleich neben seinem unscheinbaren Eingang geht es durch eine orangefarben verglaste Tür in das Bierstüberl. Von hier aus wird an warmen Tagen das überschaubare Freiluftgeschäft der Marktgaststätte erledigt. Die Tische stehen auch im Hochsommer im schützenden Schatten, und das schätzt der Augsburger nicht. Den Rest vom Jahr gehört der Ort mit ein paar Tischen und der kleinen Schanktheke den wenigen, die noch wissen, wozu es ein Bierstüberl braucht, und die den Happy-Hour-Preis von zwei Euro für das Bier zwischen 16 und 18 Uhr schätzen – aber das ist wohl eine andere Geschichte.

Zur Gaststätte führt eine schmale Treppe, die heute kein Ordnungsbeamter der Welt mehr für den Besucherverkehr freigeben dürfte, in den ersten Stock. Wer diesen Weg einmal gegangen ist, weiß mehr über die Stadt als nach dem zehnten Besuch im Ratskeller. So schummrig das Stüberl daherkommt, so klar geht es im Restaurant zu. Zum Marktgelände hin gibt eine riesige, blitzblanke Glasfront den Blick auf den Bauernmarkt und die schäbige Fassade des Ernst-Reuter- Parkhauses frei. Keine Mauer zerteilt den hohen Raum. An der Wand und am Fenster finden sich Sitzabteile, die höchstens fünf Gästen gleichzeitig Platz bieten. Mittig stehen kleine Tischchen, genau richtig für Einzelesser oder Paare. Die Marktgaststätte ist kein Ort für große Gesellschaften, sie bietet aber vielen unterschiedlichen Menschen gleichzeitig Platz.

Die begehrtesten Tische stehen am Fenster. Papieraufsteller mit dem Vermerk »Reserviert« sichern die Plätze für die Stammgäste, die gern in Gruppen kommen oder sich zu solchen zusammenfinden, vor der Belegung durch einzeln erscheinende Laufkundschaft. Erst am späten Mittag, wenn das Hauptgeschäft langsam abklingt, winkt die Bedienung den neuen Gast freundlich an die Tische bei der Fensterfront, wo er mit der Süddeutschen zum Kaffee nach dem Essen genügend Platz findet.

Von hier oben lassen sich die Angebote der Bauernmarktstände und das Treiben im Frei luftbereich der gegenüberliegenden Gastro no mie gleich gut studieren. Hier sitzen die Künstler, die Händler, die Käufer, die Gaffer und die Politiker. Auch der Oberaugsburger hat heute Zeit und übt hier den Umgang mit der Öffent lichkeit und den japanischen Essstäbchen. Das war vor der Wahl so, als seine Frau noch bei ihm saß, und das blieb nach der Wahl so, als ihren Platz längst eine andere eingenommen hatte.

Die Bedienungen in der Marktgaststätte sind freundlich und schnell und kommen zum Gast an den Tisch. Das ist bei Weitem mehr, als die meisten Imbissanbieter auf dem Stadtmarkt von ihrem Service behaupten können. Die Damen strahlen eine gewisse Robustheit aus und ihre Dirndl sitzen. Eine von ihnen könnte aus der näheren Gegend stammen, ziemlich sicher aber von der anderen Seite des Lechs. Ihre Kollegin kommt aus dem deutschen Osten und die Chefin am Herd vom Rhein. Sie hat von dort Pinkel und Grünkohl in den Süden mitgebracht.

Die Auswahl ist meist rasch getroffen. Hinter der Theke hängt eine eng beschriebene Tafel mit den Tagesangeboten, ansonsten ist die Speisekarte übersichtlich, aber nicht zu klein und vermittelt das Gefühl vertrauten Terrains. Viele Gerichte standen so oder ähnlich früher auch zu Hause auf dem Speiseplan: gekochtes Rindfleisch mit Meerrettich, Zunge in Madeira Königsberger Klopse, verlorene Eier auf Spinat, Rippchen mit Kraut und Eintöpfe. Die Hauptgerichte sind günstig, schmecken und bilden eine Vielfalt ab, die durch den Wechsel der Jahreszeiten bestimmt wird. Das Gemüse und der Salat kommen vom Markt, im Herbst gibt es gute Pilzgerichte. Die Auswahl mag auf Ortsfremde und Fastfoodesser exotisch wirken. Auf Reisen würde sich aber jeder vernünftige Mensch freuen, ein solches Restaurant zu entdeckten und zu Hause seinen Freunden davon erzählen zu können.

Beim Gedanken daran, was ein Durchschnittswirt, also ein in gleichem Maße fantasie- und skrupelloser Gastrounternehmer, aus der Marktgaststätte machen würde, wird es Zeit für mindestens ein kleines Helles. Das kommt hier von Hasen und schmeckt besser, als es sein Ruf vermuten lässt, auch wenn oder gerade weil nur noch das Weizen in der Nachbarschaft gebraut wird.

Wer möchte, kann in der Marktgaststätte in 30 Minuten bestellen, essen, bezahlen und gehen. Wer etwas mehr Zeit mitbringt, bleibt sitzen, trinkt Kaffee, liest in der Zeitung, plaudert noch etwas mit seinem Tischnachbarn oder sieht aus dem Fenster hinüber zur Fleischhalle. Im Turm des alten Backsteingebäudes direkt über der großen Uhr lebt ein grüner Gockel, der sich mehrmals täglich krähend über die Einfalt der Politiker und ihrer Wähler lustig macht. Im Sommer wird der Platz unter dem Hahn zur Public-Viewing-Arena der Frauenfußball-WMAustragungsstadt Augsburg.

Das Mittagsgeschäft in der Marktgaststätte läuft schnell ab, ist aber nicht hektisch. Für eilige Gäste stehen zwischen den Sitzabteilen Kleiderständer. Den Mantel immer griffbereit zu haben erinnert an eine Zeit, als es in jeder Stadt noch eine Bahnhofsgaststätte gab, in der Reisende auf dem Sprung waren, weil sie auf den Anschlusszug warteten – aber auch das ist eine andere Geschichte.

An sechs Tagen in der Woche gibt es in der Marktgaststätte morgens ab 8 Uhr Kaffee, Früh stück oder das Weizen zu Weißwurst und Breze. Wenn der letzte Gast seinen Mittagstisch beendet hat, ist nur noch das Bierstüberl geöffnet. Feierabend ist mit Verkaufsschluss auf dem Markt.  

Zurück