Entschleunigen Teil 3
am 13.03.2011 veröffentlicht
Zur richtigen Zeit den Stecker ziehen heißt auch über sich selbst zu bestimmen –
Ein guter ort dafür liegt in Blumenthal bei Aichach
Es gibt einen wunderbaren Weg, um vom Bauernmarkt an der Autobahn bei Dasing nach Blumenthal zu gelangen. Er führt durch das Dörfchen Laimering und den Weiler Gollenhof hinauf zur Anhöhe Wilpersberg, von wo aus sich ein weiter Blick hinunter nach Maria Birnbaum öffnet. Diese erst vor wenigen Jahren zu neuem Leben erweckte Wallfahrtskirche mutet mit ihren Türmchen und Kuppeln von hier oben eher wie ein russisch-orthodoxes Gotteshaus als ein altbayerischer Sakralbau an.
Wir verlassen nun die Landstraße und biegen links ab auf einen noch schmäleren Weg in Richtung Blumenthal. Der letzte Kilometer führt uns vorbei an glücklichen Rindern, die als Biosteaks im zugehörigen Hofladen gehandelt werden, und Pferden auf der Weide nebenan, denen dieses Schicksal erspart bleibt und die einen umso zufriedeneren Eindruck machen.
Vor mehr als 150 Jahren hat sich hier ein Spross der altehrwürdigen Familie Fugger ein hübsches Schlösschen samt Landgut errichten lassen und es nach der alten, aber verheißungsvollen Be zeichnung für den Landstrich Blumenthal genannt.
Die in einem zurückhaltenden Gelb getünchten Gebäude sind in einem großzügig gehaltenen Rechteck angeordnet, bei dem der Baumeister den 90-Grad-Winkel zugunsten des gelungenen Gesamteindrucks ignorierte. Die solide Zweistöckigkeit der Stallungen, die unterschiedlichen Wirtschaftsgebäude samt Gasthof und der alte Herrschaftstrakt lassen einander respektvoll Platz, um jeweils für sich zu wirken und dem Blick genügend Himmel freizugeben. Selbst die beiden Torbögen samt Turmaufbau erinnern in ihrer putzigen Art eher an biedermeierliche Beschaulichkeit als ernste Wehrhaftigkeit.
So fehlt dem Ensemble alles erdrückend Zackige einer Kasernenhofarchitektur. Der mit liebevoller Nachlässigkeit gepflegte Charme der Anlage erinnert noch heute mehr an die Lebensfreude und Sentimentalität der Puszta als an ein strenges Reglement, wie es nicht nur am Kaiserhof in Wien gepflegt wurde. Ob die spätere Kaiserin von Österreich und Königin von Ungarn, Sisi, Blumenthal jemals besuchte, ist ungewiss und auch nicht entscheidend. Jedenfalls passt die romantische Vorstellung, dass sie als kleines Mädchen auf den Wegen zwischen den väterlichen Schlössern in Berg am Starnberger See und Unterwittelsbach bei Aichach an dem sonnig gelb strahlenden Blumenthal vorbeikam und übermütig die Hühner über den Hof jagte, gut hierher.
Viel später dufte ich zwei lange Sommer und einen kurzen, aber sehr kalten Winter hier verbringen. Meine Wohnung lag im obersten Stockwerk des alten Werkstattgebäudes, das ein Künstlerfreund von mir seit Jahren bewohnte und zu einer viel besuchten Anflugstelle für die seltsamsten Vögel der Region machte. Damals war der Biergarten lausig geführt und kein gutes Geschäft für die Brauerei. Das Fahrrad war als Massenverkehrsmittel noch unbekannt und selbst an den schönsten Tagen im Hochsommer fanden nur einige eingeweihte Münchner und wenige Augsburger aus den verschiedenen Odeon-Cliquen den Weg zur Gartenwirtschaft im Gutshof. In den warmen Augustnächten saßen wir lange vor dem Haus und unsere einzigen Nachbarn, ein paar Rentner in ihrem Altenheim abseits der Welt, freuten sich, dass am Ende des Tages und ihres Lebens noch einmal etwas los war.
Irgendwann entdeckten junge Familien mit finanziellem Spielraum das alte Gemäuer und verliebten sich in die Idee, hier ein anderes Leben zu beginnen. Sie legten Geld zusammen und kauften 2006 das Anwesen Blumenthal, um es neu zu erfinden. Wie es sich gehört, wurden sie noch vor Beginn ihrer Umbauarbeiten unter scharfe Beobachtung der erweiterten Nachbarschaft gestellt. Hartnäckige Gerüchte, hier mache sich eine Sekte breit, hielten sich jedoch nur die ersten Jahre. Heute zählt Blumenthal zu den innovativsten Projekten, die unsere Region zu bieten hat.
Gebäude für Gebäude wird behutsam saniert und einer neuen Bestimmung zugeführt. Dass hier mehrere Generationen zusammen unter einem Dach leben, ist praktizierter Alltag und Grundgedanke des Nutzungskonzepts. Die neuen Blumenthaler haben zahlreiche kleinere, aber erfolgreich wirtschaftende Unternehmen angesiedelt. Darunter finden sich ein Hotel mit hübschen Zimmern, eine Biobrauerei samt ambitioniertem Braumeister und eine Gastwirtschaft mit guter Küche. Muss noch extra erwähnt werden, dass in diesem Umfeld auch Kunst und Kultur gedeihen und gepflegt werden? Am 8. April geben sich beispielsweise die unvergleichlichen William Wetsox die Ehre. Das aktuelle Jahresprogramm zwischen Uferlos-Festival, Tango und Tucholsky-Abend findet sich unter
www.schloss-blumenthal.de.
Zurück
|