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Entschleunigen Teil 2

am 21.02.2011 veröffentlicht

Zur richtigen Zeit den Stecker zu ziehen heißt auch über sich selbst zu bestimmen. Ein guter Ort dafür ist Sibratsgfäll im Bregenzerwald. Ein Selbstversuch von Jürgen Kannler

Zur richtigen Zeit den Stecker zu ziehen heißt auch über sich selbst zu bestimmen. Ein guter Ort dafür ist Sibratsgfäll im Bregenzerwald. Ein Selbstversuch von Jürgen Kannler


Sibratsgfäll liegt 929 Meter über dem Meeresspiegel und ist auch sonst so schööön weit weg vom Schuss. Sibra, wie die Einheimischen den Ort auch nennen, liegt in einem ruhigen Tal, das sein Ende am Fuß des mächtigen Ifenmassivs findet. Wer von Balderschwang im Allgäu Richtung Hittisau im Bregenzerwald fährt, sollte aufpassen, um auf halbem Weg die steile Steigung scharf links zu erwischen und so nach Sibratsgfäll mit seinen drei Dutzend Häusern und Höfen zu gelangen. In der Dorfmitte steht die kleine Kirche und daneben das Gasthaus Hirschen. Dort wohnen wir in gemütlichen Zimmern mit viel Balkon und Panorama und teilen uns in der Woche vor den Weihnachtsferien den Speisesaal und das große Spa mit einem jungen Pärchen aus der nahen Schweiz.

Die kurzen Tage verbringt man hier mit langen Wanderungen – ob mit oder ohne Schneeschuhe, spielt keine Rolle. Wer sich plagen will, findet von der Ortsmitte ausgehend den Einstieg zu einer nicht allzu schweren Skitour hinauf auf die kleinen Grasgipfel in der Nachbarschaft mit dem weiten Blick zum Bodensee, zu den weißen Gipfeln am Arlberg mit seinen mondänen Skiorten und immer wieder hinüber zur Felswand des magischen Ifen. Unterhalb des Dorfes bietet die bescheidene Liftanlage am Krähenberg der sportlichen Jugend und einigen Holländern die Möglichkeit zu Trainingseinheiten. Auch mein Sohn machte hier dreijährig seine ersten Versuche auf Skiern, um danach in der Liftrestauration einer entzückenden älteren Dame mit heißer Schokolade und riesigen Stücken vom frisch gebackenen Kuchen für seinen Mut belohnt zu werden. Wer in Sibra AprèsSki und Ballermann im Schnee sucht, wird enttäuscht und darf weiterziehen.


Obwohl uns nur eine überschreitbare Hügelkette vom Allgäu trennt, befinden wir uns hier in einer eigenen Welt. Den Übergang kann man spielend daran erkennen, wie sich die alten und neuen Gebäude der nächsten Umgebung präsentieren. Spätestens wenn frisch erbaute Einfamilienhäuser auch in den abgelegenen Bergweilern nicht mehr an eine Kernschmelze aus Landhauskitsch, Oktoberfesthaudrauf und BayWa erinnern, hat man den Wechsel vom Allgäu hinüber in den Bregenzerwald geschafft.


Es scheint, als hätten die Menschen auf der österreichischen Seite der Grenze in den bauhistorisch kritischen Sechzigerbis Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts nicht genügend Schilling flüssig gehabt, um Haus und Hof systematisch zu entstellen. Als sich einige Jahre später die finanzielle Lage des Landstrichs zwischen Bregenz am Bodensee und dem Hohen Ifen zum Besseren wendete, hatte der Geist einer neuen Zeit hier Einzug gehalten. Das Bewahren alter Techniken und der Einsatz traditioneller Baustoffe waren nun wichtiger als der Ausverkauf der gewachsenen Baukultur zugunsten billiger Fertigteilklone, angepasst an die unterste Grenze des Massengeschmacks. Heute gilt das Land Vorarlberg und insbesondere der Bezirk Bregenzerwald als geschätzte Anlaufstelle architekturverliebter Menschen, die dem Zusammenspiel von Tradition und Moderne zugetan sind.

Die leisen Entwürfe aus Holz, Stein, Glas und Beton gesellen sich hier selbstbewusst in moderner Gestalt zu ihrer in langen Jahren gewachsenen Nachbarschaft. Die Bauherren setzten damit Akzente, ohne dominieren zu wollen. Auch würde keine der stolzen Gemeinden sich und ihren Gästen freiwillig Zweckbauten von einer unwürdigen Hässlichkeit zumuten, wie sie bei uns noch heute traurige Realität und Alltag sind.

Dieser bedachte Umgang mit der Natur und der eigenen Tradition findet sich auch beim Thema Lebensmittel wieder. In weiten Teilen Österreichs ist es selbstverständlich, sich auch in einfachen Supermärkten mit Produkten aus der Region eindecken zu können. Davon profitieren die Kunden, der Handel, die Umwelt und die Produzenten. So bekommt der Bauer im Bregenzerwald für seinen Liter Milch fast das Doppelte von dem, was sein Kollege im Allgäu erzielt. Dazu findet sich in jeder größeren Gemeinde eine oft genossenschaftlich organisierte Sennerei, die aus der Milch der umliegenden Höfe herrlichen Käse und andere Spezialitäten bereitet. Hier kann man zwischen mehreren Sorten Bergkäse mit einer Lagerzeit ab drei Monaten bei der milden Variante und dem ein Jahr oder länger gereiften würzigen Laib wählen. Auf unseren Touren konnten wir immer wieder feststellen, dass vor allem junge Menschen den Beruf des Käsmachers für sich entdeckt haben und dieses Handwerk mit frischem Elan zu neuen Ehren führen.

Besuchern sei empfohlen, sich bei der Suche nach den feinsten Spezialitäten des Bregenzerwalds an den Markierungen der »Käsestraße« zu orientieren. Diese Route führt die Feinschmecker nicht nur zu den besten Käsereien und Restaurants des Landstrichs, sondern lädt auch zum Halt bei zahlreichen sehenswerten Kultureinrichtungen ein.



www.sibra.at www.kaesestrasse.at
 

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