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Die Tänzerin

am 20.12.2011 veröffentlicht

Porträt der amerikanischen Tänzerin und Yogalehrerin Anina von Molnar

Ballett und Yoga sind die beiden Pole im Leben der Anina von Molnar, Amerikanerin mit europäischen Wurzeln, die in Augsburg Fuß gefasst hat.

Ein Porträt von Bettina Kohlen

Schauplatz New York. Wohnungsbesichtigung: Sie sind Tänzerin? Oh, es tut mir sehr leid, Sie verstehen sicher? Ortswechsel. Wohnungsbesichtigung in Augsburg: Sie sind Tänzerin? Oh wie wunderbar, wann möchten Sie einziehen? So stellt sich - auf den Punkt gebracht - das Ansehen dar, das Tänzer in der alten und in der neuen Welt genießen. Anina von Molnar kennt beides.

Ihr erstes Engagement als Tänzerin hatte sie in New York, hier begann ihr Weg von der Zweitbesetzung in „Brigadoon“ zur Solotänzerin in verschiedenen europäischen Ballettcompagnien. Aus Zürich kam sie schließlich nach Augsburg, bis 2007 war sie hier Solotänzerin und choreografische Assistentin am Theater. Seitdem lehrt sie vor allem Yoga, doch auch mit eigenen Tanzprojekten tritt sie immer wieder in Erscheinung. Mit der Augsburger Videokünstlerin Stefanie Sixt hat sie zudem einige mit Preisen ausgezeichnete Tanzfilme realisiert.

In ihrem kleinen Jahrhundertwende-Ballettsaal treffe ich Anina von Molnar. Klein und zart auf den ersten Blick, doch schnell werden ihre Stärke, Energie und enorme Präsenz offensichtlich. Anina spricht mit ihrem ganzen Körper. Gesten unterstreichen Ihre Worte; sie gurrt, sie zwitschert, dazwischen tritt immer wieder das toughe New York Girl hervor. Sie spricht deutsch, sie spricht englisch, sie wechselt mitten im Satz von einer Sprache in die andere. Diese Frau ist ungeheuer lebendig, ihre intensive Ausstrahlung beeindruckt. Selten begegnet einem ein Mensch, der so unabhängig, frei und leidenschaftlich wirkt.

Mit 18 erhielt sie ihr erstes Engagement in New York. Nach einigen Jahren beim New York City Opera Ballet und anderen Compagnien entschied sie sich für einen Wechsel; während einer Europatournee wurde ihr klar, dass sie in Europa tanzen möchte. Als Solotänzerin war sie unter anderem in Hagen und einige Jahre in Zürich engagiert.

Überhaupt erscheint die Situation an den Theatern in Europa paradiesisch gegenüber dem extrem harten New Yorker Tänzerdasein. In den subventionierten Theater-Compagnien hier können Tänzer sich - finanziell einigermaßen gesichert - aufs Tanzen konzentrieren, auf ihre Kunst. Es gibt 13 Monatsgehälter, bezahlten Urlaub, Krankenversicherung, Rentenanspruch. New Yorker Tänzer können davon nur träumen. Sie werden nur bezahlt, wenn sie tanzen – auch in festen Engagements! Zwischen den einzelnen Bühnenproduktionen gibt es kein Geld. Rente, Krankenkasse, Urlaub? Fehlanzeige. Ohne zusätzliche Engagements und weitere Jobs kommt man nicht über die Runden. Auch Anina von Molnar hat während ihrer New Yorker Jahre mit mehreren Engagements jongliert um die jeweiligen Produktionspausen möglichst gut zu nutzen; nicht zu vergessen alle möglichen Jobs auf Abruf. Und das alles, obwohl sie fest an der New York State Opera engagiert war und somit auf vergleichsweise sicherem Boden gegenüber freien Compagnien!

Ihre Ballettausbildung begann Anina von Molnar als kleines Mädchen; sie perfektionierte die Beherrschung ihres Körpers bis zur Bühnenreife. Tanz ist Aninas Form des künstlerischen Ausdrucks, ihr Körper ist ihr Instrument. Der Wunsch, professionelle Tänzerin zu werden, wurde immer stärker, doch gleichzeitig hielt sie sich die Option auf eine akademische Laufbahn offen. Sollte sie studieren oder einen Job als Tänzerin finden? Sie ist klug und hat alle Voraussetzungen für ein Studium, auch ihrer Familie hätte es gefallen (Aninas Vater war Universitätsprofessor). Doch entschied sie sich für das Ballett, für die Kunst, ihre Kunst.

Ihre Familie hat es akzeptiert und ihr immer Rückendeckung gegeben - auch als sie nach Deutschland ging, dem Land, das ihre Großmutter verlassen musste. Anina wurde in eine jüdische Familie geboren, ist selbst aber keine praktizierende Jüdin. Ihre Mutter kommt aus einer wohlsituierten Textilunternehmer-Familie mit russisch-polnisch-jüdischem Hintergrund; die Familie der Großmutter emigrierte 1918 aus Minsk in die USA, die des Großvaters wanderte aus Polen ein. Aninas Vater entstammt der Leipziger Buchhändlerfamilie Jolowicz. Ihr Urgroßvater war jahrzehntelang einer der weltweit bedeutendsten und angesehensten Antiquare und Verleger. Seine Tochter Annelies, Aninas Großmutter, war Opernsängerin. Als ihr in Nazi-Deutschland verwehrt wurde, ihre Kunst auszuüben, blieb sie 1938 nach einem Engagement in New York, ihre Schwester Katharina, Schauspielerin, folgte ihr. Zwei Künstlerinnen in New York, die sich durchschlugen. Exil-Biografien wie in so vielen jüdischen Familien.

Während der Vorbereitung zum Tanzfilm „Alabama Song“, den Anina mit Stefanie Sixt realisiert hat, entdeckte sie, dass ihre Großmutter 1930 in der Premiere in Kassel die „Jenny“ in der Brecht/Weill-Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ sang. Die Lebensläufe von Großmutter und Enkelin weisen Parallelen auf, doch auch gravierende Unterschiede: Beide Künstlerinnen kommen aus einem akademisch geprägten Elternhaus, beide verließen ihre Heimat, um ihre Kunst leben zu können, allein, in einem fremden Land. Doch Anina ging, weil sie wollte, ihre Großmutter, weil sie musste.

Anina von Molnar strahlt Spiritualität und Erdung aus. Das kommt sicher nicht von ungefähr; seit ihrer Teenagerzeit praktiziert sie Meditation und Yoga und hat dies im Lauf der Jahre immer weiter perfektioniert. Yoga ermöglicht einen Zugang zum Körper, der nichts mit dem Äußeren zu tun hat, sondern von innen heraus erfolgt. Es ist weitaus mehr als ein reines Training wie Laufen oder Schwimmen. Yoga gibt Raum, Yoga öffnet. Und Yoga kann Heimat sein. Als Tänzer in einer Ballettcompagnie muss man in der Lage sein, sich auf sich selbst zu verlassen. Anina von Molnar erkannte, dass die Yogapraxis sie unterstützte, ihr Führung gab; andererseits aber ermöglicht Yoga ihr, Kraft aus sich selbst zu schöpfen. Ist Yoga der Schlüssel zur Selbstfindung? Es scheint so. Diese Erfahrungen wollte Anina gerne weitergeben. Nach ihrer Zeit am Augsburger Theater nützte sie den neu gewonnenen Freiraum, um als Lehrerin die Idee und Praxis des Yoga zu vermitteln.

Unterricht in Yoga und Gyrotonic – eine integrierte Körperarbeit mit speziellen Geräten – bilden heute den Schwerpunkt ihrer Arbeit. Doch Anina ist Tänzerin, und deswegen gibt es immer wieder Projekte, die sie choreografiert und selbst tanzt; vieles mit Stefanie Sixt umgesetzt – als Video oder auch als Bühnenperformance.

Anina von Molnar ist ein New York Girl, global vernetzt, mit Freunden und Familie rund um den Globus. Sie hat mir von dieser Familie erzählt, die ihr viel bedeutet. Sie ist Hintergrund und Rückhalt. Die Geschichte ihrer Familie ist geprägt durch die Auswirkungen von Nazi-Deutschland. Und dennoch ist Anina ohne Vorbehalte in dieses Land gekommen. Sie hat ein gutes Argument: Wenn ich mir nicht die Freiheit nehme, hierher zu gehen, verlängere ich die Macht und die Folgen und den Einfluss der Täter. Nur das Durchbrechen des Kreislaufs beendet dies.

Anina von Molnar arbeitet seit 1991 in Europa, seit mehr als zehn Jahren lebt sie in Augsburg. Wenn Freunde und Familie nicht um die Ecke leben, ist das nicht immer einfach, manchmal auch schmerzhaft. Um sich zu sehen, sind Anstrengungen nötig. Mal eben am Wochenende die Mutter besuchen, ist nicht möglich. Gleichzeitig jedoch erhalten die seltenen Treffen eine große Intensität und Qualität, die Wertschätzung füreinander wird deutlicher spürbar.

Es verwundert zunächst, dass die weltläufige Tänzerin das überschaubare Augsburg als Stützpunkt gewählt hat. Doch sie schätzt die reichlich vorhandene Natur, die Kultur, die lebenswerte Größe; sie hat hier Freunde gewonnen, Menschen kennen gelernt, die ihr etwas bedeuten.

Der Tag, an dem Anina eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung bekam, war ein freudiger Tag. Sie ist angekommen in Augsburg, vielleicht bleibt sie nicht für immer, doch für eine lange Weile: die Tänzerin, Yogini, Künstlerin - die Weltbürgerin Anina von Molnar.

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