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Die Präsidentin

am 28.11.2011 veröffentlicht

Seit dem 1. Oktober hat Augsburg als einzige bayerische Uni eine Präsidentin.

Seit dem 1. Oktober hat Augsburg als einzige bayerische Uni eine Präsidentin.

Am 7. November hielt Prof. Dr. Sabine Doering- Manteuffel, die neue Präsidentin der Universität Augsburg, ihre Antrittsrede. Was auf dem Campus nicht erst seit ihrer Neuwahl viele ahnten, mache wussten und einige wohl auch befürchteten, hatte sich in den vergangenen Wochen auch bald in der nahen Stadt herumgesprochen: An der Uni bewegt sich etwas.

Natürlich war das Audimax am Abend der Antrittsrede bis auf den letzten Platz belegt, und das, obwohl die formelle Einladung mit sieben Grußworten zu drohen wusste. Das Thema der neuen Präsidentin hieß »Leistung und Leidenschaft « und es sollten mit die scharfsinnigsten und unterhaltsamsten 45 Minuten werden, mit der unsere manchmal doch recht verschlafen daherkommende Region in letzter Zeit zu punkten wusste. Einige im Auditorium werteten die Rede gar als willkommenen Weckruf – und könnten mit ihrer Einschätzung recht behalten.

Was hier so leidenschaftlich in Erscheinung trat, war nicht mehr und nicht weniger als das perfekt getimte Abrufen einer Leistung, die nicht erst in den vergangenen Wochen erbracht wurde. Seit dem Tag ihrer Wahl hatte sich Sabine Doering- Manteuffel gewissenhaft auf diesen Abend vorbereitet. Das Ergebnis war eine Grundsatzrede, die ein reizvolles Zukunftsmodell im Spannungsbereich von Stadt, Uni und Gesellschaft zeichnete, ohne dabei vorzugeben, auf jede Frage eine Antwort zu kennen. Als Wissenschaftlerin, die mehr als ihr halbes Leben an verschiedenen Universitäten zugebracht hat – und davon allein 18 Jahre in Augsburg –, weiß Doering-Manteuffel natürlich, dass es zuallererst einmal eher darauf ankommt, die richtigen Fragen zu stellen, als vorschnell Antworten zu liefern. Überhaupt scheint diese Frau mehr als nur eine Ahnung von exakter Dramaturgie und dem richtigen Rhythmus zu haben. Und das zeigte sie nicht nur als Rednerin an diesem Abend.

So spielt sie ihre Karten bewusst und unerschrocken. Denn auch das wurde in den letzten Wochen deutlich: Sabine Doering-Manteuffel gehört nicht zu den Menschen, die sich schnell ins Bockshorn jagen lassen. Unvorsichtige Zeitgenossen neigen vielleicht dazu, die Rheinländerin zu unterschätzen. Ein Fehler, den zumindest die Vernunftbegabten unter ihnen so schnell nicht wiederholen werden. Diese Erfahrung konnte auch IHK-Hauptgeschäftsführer Saalfrank machen, als er nach der Wahl öffentlich Kritik an Doering-Manteuffels Kompetenz äußerte. Mehr als einmal gab ihm die Präsidentin daraufhin passend heraus, bis sich der Verbandschef entschuldigte.


Keine Angst vor Fachbüchern, ungelesen sind sie harmlos


Zu Beginn ihrer Antrittsrede berichtete die Ethnologin von ihrer Kindheit im akademisch geprägten Elternhaus. Mit sechs Jahren beherrschte sie das Morsealphabet und ihr Vater, Wissenschaftler an einer landwirtschaftlichen Forschungseinrichtung nahe Bonn, schenkte seiner Tochter vorzugsweise Fachliteratur über Düngemittel oder andere Chemiepoesie. Im Audimax kokettierte sie darum auch mit dem Spontispruch »Keine Angst vor Fachbüchern, ungelesen sind sie harmlos« und erntete dafür etliche Lacher. Man ahnt trotzdem, dass sie die Wälzer zumindest nicht gänzlich unberührt in ihrem Mädchenzimmer verstauben ließ.

Sie erzählte von dem weißen Wal, der im letzten Dämmer der Ära Adenauer den verseuchten Rhein bis nach Bonn hochschwamm und dem sie als Neunjährige einen Aufsatz widmete. Sie sprach über die Faszination, die die Texte des Zukunftsforschers Robert Jungk seit den Siebzigern auf sie ausübten, und wie sie den Widerstand gegen den NATO-Doppelbeschluss in den Achtzigerjahren erlebte. Sie definierte sich als Teil einer »Generation Zaungast«. Das soll wohl heißen, dabei gewesen zu sein, ohne selbst aktiv zu werden. Und ausgehend von dem Satz »Es wird oft übersehen, dass wir alle auch nicht mehr sind als Kinder unserer Zeit« formuliert sie eine der entscheidenden Fragen unserer Gesellschaft: Wie muss eine Uni für die nach 1980 Geborenen aussehen?


Nur noch kurz die Welt retten, noch 148 Mails checken


Wer nach diesem Jahr geboren wurde, da ist sich Sabine Doering-Manteuffel sicher, für den sieht die Welt anders aus als für die Generationen vor ihm. Bei ihrer Antrittsrede rief sie an dieser Stelle den Berliner Tim Bendzko in den Zeugenstand. Er singt in seinem auf YouTube bisher über neun Millionen Mal angeklickten Hit davon, er müsse »nur noch kurz die Welt retten, noch 148 Mails checken«, und langsam wurde einigen Zuhörern im Audimax klar, wovon hier eigentlich gerade die Rede ist. Es muss alles anders werden. Es müssen neue Modelle des Mitei nanders und neue Wege des Lernens entwickelt werden, um die Generation der Post- 1980er an den Start zu bringen. Auf die Frage, wie das genau funktionieren kann, darf man jedoch zum jetzigen Zeitpunkt noch keine konkrete Antwort erwarten. Man steht hier noch am Anfang. Lösungsansätze werden von der Präsidentin in regelmäßigen Strategiegesprächen mit den Kollegen erörtert, die es zumindest in dieser Form in der Vergangenheit so nicht gegeben hat, wie Mitarbeiter zu berichten wissen. Doch eines ist jetzt schon klar: Für Doering-Manteuffel liegt die Zukunft mit Sicherheit nicht in der starren Fächerstruktur, sondern im arbeitsteiligen Netzwerk, in Kooperationen auf Zeit und bei der Problemlösung im Fächerverbund. Diese Ideen sind reines Gift für die Fachidiotenfraktion. Es gilt also reichlich Überzeugungsarbeit zu leisten. Denn auch die an diesem Abend häufig zitierten Drittmittelgeber aus der Wirtschaft und in den Verbänden gelten in diesem Punkt nicht durchweg als nennenswert progressiv. Und gerade im Bereich Fundraising will sie sich gemeinsam mit ihren Kollegen in Zukunft verstärkt profilieren. Der Schlüssel zum Etatgewinn liegt für sie dabei nicht zuletzt in der gezielten Weiterentwicklung fakultätsübergreifender Angebote, wie sie im Ressourcenmanagement, der Friedens- und Konfliktforschung oder in den Wirtschaftsingenieur-Wissenschaften bereits A nwendung finden.

In spätestens drei Jahren sollen die Bauarbeiten für das neue Faserverbundzentrum an der Uni abgeschlossen sein. In direkter Nachbarschaft zum geplanten Innovationspark der Stadt wird hier ein Zentrum für Forschung, Entwicklung und die Produktion zukunftsweisender Verbundfaserstoffe entstehen. Die Erwartungshaltung der gesamten Region ist hoch. Doch auch für dieses Szenario wird Sabine Doering-Manteuffel genau prüfen, wie die Rolle der Universität dabei aussehen kann. Zu einer voreiligen Stellungnahme ließ sich die Präsidentin bis jetzt – trotz zahlreicher ungeduldiger Steilvorlagen aus der Politik – nicht hinreißen. Wer beispielsweise den Augsburger OB bei der Amtseinführung gehört hat, der ahnt: Der Schock, eine Geisteswissenschaftlerin an der Spitze der Uni stehen zu haben, sitzt bei einigen Leuten tief. In dem Zusammenhang gilt es auch den vonseiten der Studentenschaft vor einiger Zeit ins Spiel gebrachten Begriff der Zivilklausel für Augsburg genau zu definieren. Diese legt fest, wie die Uni in Zukunft mit Partnerangeboten aus der Rüstungsindustrie verfahren wird.


Jakob-Fugger-Zentrum für transatlantische Strategien in der Altstadt

Konkreter wird die neue Präsidentin, wenn es darum geht, zukünftige Kompetenzbereiche der Universität Augsburg zu benennen. Auch in ihrer Antrittsrede brachte sie neben den Stichwörtern Zukunftsseminar, Gesundheitsförderung und Wirtschaftszentrum Umwelt vor allem das Jakob-Fugger-Zentrum für transatlantische Strategien in Position. Diese neu zu schaffende Einrichtung soll, wenn es nach Sabine Doering-Manteuffel ginge, neben dem Leopold- Mozart-Zentrum eine weitere Dependance der Uni in der Stadtmitte werden. Als Ort für diese Unternehmung hat die Präsidentin das zurzeit rege diskutierte Gignouxhaus in der Altstadt auserkoren. Diese reizvolle Idee, von der im Augenblick allerdings niemand sagen kann, ob sie jemals realisiert wird, steht exemplarisch für einen neuen Geist, der auf dem Campus Einzug gehalten hat und von dort bis in die Gassen der Altstadt zu spüren ist. (Jürgen Kannler)

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