Brecht, zurecht
am 09.02.2012 veröffentlicht
Das Brechtfestival läuft bereits seit einer Woche, höchste Zeit also, eine Zwischenbilanz zu ziehen
Brecht zeitgerecht
Nach der großen Eröffnung im Goldenen Saal hieß es einen Tag später in der langen Brechtnacht wieder Musik und Unterhaltung pur. Gleich zwei Mal gab es die Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot live zu sehen. Durch eine etwas andere Musikwahl von Rio Reiser bis hin zur Donald Duckschen Naziverarsche aus dem Jahr 1943 war dieser Auftritt alles andere als langweilig. Zu den Highlights der diesjährigen langen Brechtnacht zählte ebenfalls der Auftritt von Pop-Urgestein PeterLicht, der seinen Auftritt mit einer längeren Einstiegsrede über Zahnpasta begann. Erfrischend anders? Zugegebenermaßen eher die perfekte Gelegenheit um mal aufs Klo oder Eine rauchen zu gehen. Ansonsten durfte das Publikum entspannt lauschen und als dann noch das Sonnendeck kam, konnten sich alle bei den eisigen Temperaturen draußen warme Gedanken machen.
Mitspracherecht
Auch dieses Jahr waren Zeitzeugen Brechts eingeladen, ihre Erinnerungen mit dem zahlenden Publikum zu teilen. Einmal mehr sprachen Brecht-Tochter Barbara Brecht-Schall, Enkelin Barbara Schall und Schauspielerin Regine Lutz mit Festivalleiter Joachim Lang über den prominenten Sohn Augsburgs (Foto). Ob die Erinnerungsfähigkeit der immerhin schon über 80-jährigen Zeitgenossinnen noch so einwandfrei funktioniert, sei einmal dahingestellt, ist ja auch alles schon lang her. Dennoch konnte ein guter Einblick in Brechts Leben gewährt werden, auch aufgrund der Originaleinspieler von Theateraufführungen und -proben unter der Regie Brechts.
Tötungsrecht?
Die Aufführung von Brechts umstrittenen Stück „Die Maßnahme“ war der große Abschluss des Brechtfestivals 2011. Es geht darin um die Frage, wie weit eine Gruppe gehen darf, um ihre Interessen zu wahren. Die„Maßnahme“ bezeichnet ein Tötungsdelikt, das vier Agitatoren im Einvernehmen des Opfers begehen, mit dem Ziel, die Gruppe zu schützen. Die Aussage des Stücks ist jedoch nicht die Legitimation der „Maßnahme“, sondern die Fragestellung, wie sie hätte verhindert werden können, und so auch der Aufruf an die Zuschauer: „Auch ihr jetzt denkt nach über eine bessere Möglichkeit“.
Die diesjährige Wiederaufnahme der „Maßnahme“ im Goldenen Saal war erneut ein mitreißendes Schauspiel. Einziger Wehrmutstropfen: Dank der schlechten Akustik im Saal war der Chorgesang teils schlecht bis gar nicht zu verstehen.
Man darf übrigens auch auf den diesjährigen Abschluss des Festivals, die Aufführung des Augsburger Kreidekreises, gespannt sein, die ebenfalls unter der Regie von David Benjamin Brückel stattfinden wird.
Wortgefecht
Am Montag fand der Poetry Slam unter dem Motto „Dead or Alive“ statt. Hier durften sich fünf lebendige Dichter mit fünf toten, vertreten durch Schauspieler des Theaters Augsburg, battlen. Am Ende war der Sieg knapp, die lebendigen Poeten machten das Rennen, nicht zuletzt wegen Sulaiman Masomi, der mit seinen politisch nicht ganz so korrekten Späßen das Publikum begeisterte. Auch sehr überzeugend waren die Zwischenauftritte von Misuk, samt bezaubernder Frontfrau Eva Gold, die zum Ende des Brechtfestivals übrigens ihr neues Album vorstellen werden. Weniger überzeugend: ein anfangs witziger, dann doch eher platter Moderator. Trotzdem ein insgesamt sehr gelungener Abend im Parktheater Göggingen.
Man darf in jedem Falle auf die kommenden Veranstaltungen gespannt sein, es werden sicherlich einige interessante Highlights dabei sein. Und wir werden natürlich auch weiterhin über diese berichten. (ran)
www.brechtfestival.de
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