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Alles Pop oder was?

am 13.02.2012 veröffentlicht

Anmerkungen zu einer aktuellen Debatte von Peter Bommas

Anmerkungen zu einer aktuellen Debatte von Peter Bommas

POP - als Begriff, Konzept und Marketingemblem - ist seit den 60er Jahren als Bezeichnung für die gleichnamige Kultur übernommen worden, also nicht einfach als Abkürzung für „popular/populär“, sondern im Sinne von „to pop“ = „knallen, platzen“. Pop knallt also und ist als missing link zwischen tradierter Hochkultur und moderner Massenkultur in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Mit so viel Aufmerksamkeit bedacht, dass selbst die renommierte Akademie in Tutzing eine Tagung mit der titelgebenden Frage „Pop – das Esperanto der Gegenwartskultur?“ abhält. Pop und speziell Popmusik gilt als jung, sexy, weltoffen und tolerant, alles Werte, die in der aktuellen politischen Debatte eine wichtige Rolle spielen. Schon die vormalige rot-grüne Bundesregierung unter Schröder hat diese enorme Bedeutung von Popkultur erkannt und sich als Strategie angeeignet. Der „Popbeauftragte“ Sigmar Gabriel war damals ein glühender Verfechter des „Popstandorts Deutschland“ und einer nationalen Pop-Identität. Gerade deshalb ist noch einmal festzuhalten, dass  sich Popkultur immer schon im Spannungsfeld von Globalisierung und lokaler Ausdrucksform entfaltet und nur im Zusammenhang mit und nicht gegen Kommerzialisierung und Medialisierung gedacht werden kann. Und das unterscheidet Popkultur ganz wesentlich von allen anderen kulturellen Feldern.

Popstandort Augsburg?

 Zwar zeitverschoben, aber von der Entwicklung her ganz ähnlich, könnte man die Ankunft von Pop in der Mitte der Augsburger Stadtgesellschaft beschreiben. Die hohe Symbolkraft und die Marktfähigkeit von Popkultur wurden vom damaligen Wahlkampfteam um OB Gribl erkannt und in eine Strategie umgesetzt – einen OB auf Popbühnen und bei Clubacts hatte es bisher nicht gegeben. So ist im Verlauf des Kommunalwahlkampfes 2008 mit der erfolgten politischen Installation eines „Popkulturbeauftragten“ und einem in der Folge so benannten „Büro für Popkultur“ der Popdiskurs in die Stadtgesellschaft geprallt wie ein Flummiball. Drei Jahre lang sprang dieser Ball von Wand zu Wand, wurde zum Spielball von Interessenpolitik, von Lobbyismus und zur Blaupause einer ratternden Legitimationsmaschine. Pop war da, oder besser Popmusik, wurde Bestandteil von Stadtmarketing und Veranstaltungspolitik, war nicht länger Nischenprodukt jugendkultureller Ambitionen sondern gesellschaftlicher Mainstream im Herzen der Stadt. Das ging sehr schnell, sehr clever, sehr smart. Jetzt, nach dem überraschenden Abgang des popkulturellen Protagonisten, stellt sich zumindest die Frage, ob Pop in Augsburg den Schritt zum Standortfaktor und identitätsstiftenden missing link der Stadtkultur schon geschafft hat oder ob da nicht ein paar Schritte zu viel und zu schnell gemacht wurden. Denn die Operation „Popkultur“ ist eine am offenen Herzen der Stadt und ihrer Szenen, sehr komplex, sehr riskant, verspricht beim Gelingen aber für alle eine bessere Zukunft.

Festhalten muss man, dass Pop als Marke angekommen ist und von politischen Entscheidern wahrgenommen wird.  Die Marke POP wurde zweifelsohne gepusht, aber wurde sie auch verankert? Und genügt ein Markenzeichen als Oberflächenphänomen, wenn sich dahinter ein ganzer Berg an „Popalltag“ verbirgt? Der Popdiskurs als Erzählung einer widersprüchlichen Kulturpraxis, als performative Aushandlung von  global zirkulierenden popkulturellen Images und ihrer kreativen Hervorbringung im Feld des Lokalen, dieser Diskurs muss in der Stadt aber noch eine ganze Zeit geführt werden. In den popkulturellen Milieus und Szenen, von den Akteuren popkultureller Produktion und Praxis, mit den Protagonisten politischer und ökonomischer Entscheidungen. Und dieser Diskurs muss bestimmt sein von Authentizität – rein in die Szenen, Partizipation – mitreden und mitmachen muss möglich sein und Respekt – der ganze POP muss abgebildet werden. Man kann nur spekulieren, wie es weitergegangen wäre, wenn, ja wenn der Popkulturbeauftragte im Amt geblieben wäre oder sein Amt eine adäquatere Struktur erhalten hätte.

Popstandort Augsburg!

Tatsache ist, dass parallel zu den popkulturellen Aktivitäten der Stadtregierung und den Versuchen, Pop an verschiedenen Stellen Aufmerksamkeit zu verschaffen bzw.  Pop als Marketinginstrument zu platzieren (POP EINS), sich mit dem Kreativareal Kulturpark West ein  lokal und überregional wirksames und vernetztes Zentrum für kreative urbane Kulturen entwickelt hat. Ein szene-spezifisches, professionalisiertes infrastrukturelles Feld mit lockerem Netzwerkcharakter aber starker Anbindung an die lokale Kulturszene: POP ZWEI!

Im Zuge dieser Entwicklung haben sich über wirtschaftliche Aktivitäten, freizeitkulturelle Nischen, Professionalisierungs- und Partizipationsprozesse komplexe szenespezifische Organisations- und Berufsformen ausdifferenziert:    DJs, Homeproducer_innen, Booker_innen, Veranstalter_innen, Clubbetreiber_innen, Agenturbetreiber_innen, Workshopleiter_innen, Fotograf_innen, Galerist_innen kooperieren mit Bands, Künstlergruppen, Theaterkompagnien und Projekten. Produzieren, reproduzieren und innovieren die typischen Szeneinhalte: Tonträger, Videos, Musik, Partys, Ausstellungen, Performances, Lesungen etc.  Im Kern handelt es sich um die erfolgreiche Vergemeinschaftung einer vorher vereinzelten, disparaten Kulturszene zu einem szenewirtschaftlich agierenden Kreativnetzwerk mit einer eigenen Wertschöpfungskette. Do-it-yourself ist die zentrale erwerbliche Lebensmaxime, bei der eine Person als MultiunternehmerIn vieles gleichzeitig macht: z.B. Musikproduktion, DJing, Veranstaltungsmanagement, Booking, Promotion etc – unterstützt, moderiert, gefördert, kritisch begleitet von professionellen Kreativakteuren. Die Funktionsweise dieses Netzwerks bietet eigentlich die optimale Möglichkeit für die adäquate Umsetzung all der Aufgaben, die in der Stelle eines „Popkulturbeauftragten“ festgeschrieben sind und mit der anstehenden Stellensperre bzw. den prekären finanziellen Bedingungen im städtischen Haushalt wohl erst einmal weitgehend brachliegen: Förderung, institutionelle Einbindung, Know-How-Transfer, Beratung, Mittelakquise, Öffentlichkeitsarbeit, Veranstaltungsmanagement – mit geringem bürokratischen Aufwand, finanziell schlanker und vor allem nachhaltiger.

Angesichts dieser Situation wäre es eine realistische Option, POP EINS und POP ZWEI miteinander zu verschränken, die szenekulturelle und kreativwirtschaftliche Querschnittsaufgabe „Popkultur“ als Outsourcing-Projekt in Kooperation zwischen Stadt und Kulturpark West zu organisieren. Dabei könnten die Kulturpark GmbH, das Rockmusikzentrum KUKI e.V., das Downtown Music Institute, der neue Jazzklub Augsburg, Künstler- und Projektgruppen sowie andere Dienstleister im Popkultursegment über eine Leistungsvereinbarung vertraglich eingebunden werden, um die vorhandenen Ressourcen für einen Popstandort Augsburg  zukunftsweisend zu nutzen. Das Projekt sollte begleitet sein von einem Beirat oder einer Kommission aus Szeneakteuren, kommunalen Vertretern, Fachkräften des SJR und einem Repräsentanten der universitären Forschungsstelle Populärkultur und als Kompetenzgremium für Authentizität und Transparenz sorgen. Die Einsparung eines beträchtlichen fünfstelligen Betrags könnte so direkt popkulturellen und kreativwirtschaftlichen Szeneprojekten zugutekommen. Ein Weg, der mittelfristig Akzeptanz, Effizienz und Stellenwert von POP in der Stadtgesellschaft deutlich erhöhen würde. Ein Weg auch, der sofort für alle offen stünde. Denn wie sagt schon der legendäre Greil Marcus: „Pop is an argument where anyone can join in“ – oder, um noch einen Großen der Poptheorie zu zitieren und das gerade Geschriebene irgendwie abzusegnen – „Pop organisiert Unverständlichkeit als Attraktion“ (Diedrich Diedrichsen). Also Augsburg – pop it up! Aber bitte mit Plan und Umsicht.

 

Peter Bommas ist Geschäftsführer der gemeinnützigen Kulturpark West GmbH, Leiter des Jungen Theaters im abraxas, sowie Programmmacher beim Medienkunstfestival lab30.
 

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