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Theater der Zukunft![]() Was soll es leisten, wie soll es werden, wie soll es sein, außer nur saniert ? Von Jürgen Kannler
Der Freistaat übernimmt 45 Prozent der Kosten für die Sanierung des Stadttheaters. Super, denn Geld aus München ist natürlich immer willkommen! Außerdem kann dieses klare Signal Kräfte im Ensemble freisetzen, die schon erschöpft schienen. Nun ist es jedoch an der Zeit, endlich auch der Frage nachzugehen, was unser Theater der Zukunft eigentlich alles leisten soll, außer nur saniert zu sein.
Schieben wir doch einmal unsere Skepsis beiseite. Seien wir, und wenn auch nur für einen Augenblick, gutgläubig und schenken den Ankündigungen der Politiker Glauben. Gehen wir also davon aus, dass der Container, die Ausweichspielstätte für das Theater, im Frühjahr 2012 eröffnet wird. Was sehen wir dann am Tag der Eröffnung groß neben diesem Provisorium stehen? Nicht mehr und nicht weniger als unser altes, baufälliges Stadttheater. Außen hui und innen pfui – reziprok zum neuen Fußballstadion, wenn Sie so wollen. Wir blicken also auf eine der ehrwürdigsten Kulturstätten unserer Stadt, und die Feuerwehr müsste diese aus Gründen der Sicherheit eigentlich eher heute als morgen schließen.
Der 100-Millionen-Plan Seit knapp zwei Jahren existiert ein 100-Millionen-Euro-Entwurf, wie das Haus am Kennedyplatz samt Freilichtbühne zu sanieren wäre. Der sogenannte Masterplan veranschlagt allein 27 Millionen Euro für die Arbeiten am Großen Haus. Sieben Millionen soll die Renovierung der Freilichtbühne kosten. Und für den Neubau der zweiten Spielstätte, samt Werkstätten und Verwaltung, rechnet man heute schon mit mindestens 55 Millionen Euro.
Mit den dringendsten Baumaßnahmen soll jedoch frühesten im Jahr 2014, also erst nach der nächsten Wahl, begonnen werden. Dann wird es schrittweise weitergehen, in Bauabschnitten, die sich bis mindestens ins Jahr 2028 hinziehen werden. Bei der massiven Kompetenzanhäufung in dieser Stadt, nicht zuletzt wenn es um den Bau von Kultur- und Sporteinrichtungen geht, könnten jedoch sowohl die Kosten als auch die Bauzeit etwas aus dem Ruder laufen. Und wenn schon, antwortet da der Chor der Optimisten, das Theater hat doch in den letzten Jahren immer Ausweichspielstätten gefunden und die 45-Prozent-Beteiligung aus München kennt keine Obergrenze. Das ist richtig, trotzdem bleibt die endgültige Finanzierung der restlichen 55 Prozent der Baukosten, die aus städtischen Mitteln zu entrichten sind, erst einmal offen. Wollen wir hoffen, dass bis zur Klärung dieses Punkts niemandem im Publikum der schwere Kronleuchter auf den Kopf fällt.
Ob die Pläne aber wirklich umgesetzt werden, und wenn ja, dann wie, weiß heute noch kein Mensch. Und das ist auch gut so, um einmal mehr mit dem Berliner Regierenden Bürgermeister und Kultursenator Wowereit zu sprechen. Denn bevor wir mit dem Umbau beginnen, sollten wir uns eingehend mit der Frage beschäftigen, wie wir uns das neue Theater denn eigentlich vorstellen. Wie muss das neue Haus am Kennedyplatz werden, damit wir in zwanzig Jahren mit Achtung und vielleicht auch etwas Stolz von unserem Stadttheater sprechen können? Wir müssen also diskutieren, für welche Teile der Gesellschaft es in Zukunft da sein soll, und damit auch der Frage nachgehen, was es zeigen darf und was es bieten muss. Kurz, wofür soll er stehen und was muss er leisten, der größte Kulturtempel der Region? Es stellen sich tausend Fragen. Soll unser Theater ein Dreispartenhaus nach alter Väter Sitte bleiben oder kann sich hier etwa ein richtungsweisendes Kulturzentrum mit x Sparten entwickeln? Wir dürfen diese Situation auf keinen Fall ungenutzt verstreichen lassen, sondern sollten die Gelegenheit ergreifen, um das Konzept unseres Stadttheaters neu zu definieren. Einige Blicke über den Tellerrand werden dabei gute Dienste leisten. Nicht immer muss das Rad neu erfunden werden, auch wenn so gut wie jeder Aspekt rund um das Haus auf den Prüfstand muss. Also: Was zum Beispiel geschieht mit dem Ballettensemble? Oder: Wie groß sollte das Orchester sein? Soll es im Theater wieder Clubevents wie schon vor zehn Jahren geben, als mit Engtanzmusik und House einige Tausend Gäste den Weg frei für den ersten Opernball im Theater feierten? Oder: Wie soll die Gastronomie am Kennedyplatz in Zukunft aussehen? Das ist vielleicht nicht der brennendste Reformpunkt, aber wer von uns wünscht sich allen Ernstes eine Getränkekarte, die Minicaipirinhas führt? Die neue Gastronomie muss auf alle Fälle Ausdruck des Selbstverständnisses eines Hauses sein, in dem man von morgens bis in die Nacht hinein ein gern gesehener Gast ist. Jens Bisky schrieb vor Kurzem in einem Beitrag für die SZ, dass auch im Kulturbereich Bestehendes nach Jahren hinterfragt werden muss und nichts Bestandsschutz genießen darf. Das ist wahr, allerdings vergaß er wohl hinzuzufügen, dass das Nachkommende immer einen Tick besser sein sollte als das, was geändert wird.
Parktheater Mozartstadt Im Prozess der Neufindung werden gewiss auch Stimmen laut, die infrage stellen, ob das Theater denn überhaupt noch gebraucht wird. Schließlich kann man Ballett auch bequem zu Hause gucken und eine Oper lässt sich jederzeit schnell und günstig auf das iPhone laden. Gerade auch diese Diskussionsbeiträge sollte man ernst nehmen und sich gründlich mit ihnen auseinandersetzen. Vor allem aber sollte man die richtigen Antworten parat haben. Denn wenn es nicht möglich ist, einen wirklich offenen und ernsthaften Diskurs zu diesem Thema zu führen, bedeutet das ein fatales Zeichen für den Stellenwert der Kultur in unserer Gesellschaft. Dann könnten zu Recht auch die Meinungsträger ihren Willen bekommen, die sich anstelle eines echten und zeitgemäßen Theaters am liebsten ein neues, wirklich schickes Parkhaus mit Eventanbindung wünschen. Ein »Park-Theater Mozartstadt« womöglich. In dieser Diskussion müssen also alle Fragen erlaubt sein, und sie sollten auch gestellt werden. Denn nur auf diesem Weg ist zu klären, welche Erwartungen die unterschiedlichsten Gruppen unserer Gesellschaf in das größte, vielleicht wichtigste, mit Sicherheit jedoch teuerste Kulturzentrum unserer Region setzen. Und wer dazu bislang noch nichts zu sagen hat, der sei eingeladen, sich endlich Gedanken zu machen, und herzlich gebeten, auch einmal das Wort zu ergreifen. Hereinspaziert! Hereinspaziert! Wie soll es nun aussehen, das neue Haus? Womöglich so wie bei seiner Eröffnung vor mehr als hundert Jahren? Dieses Ziel wird doch hoffentlich nicht wirklich jemand ernsthaft verfolgen. Ein deutliches Zeichen ließe sich setzen, wenn der Bau von guten Architekten behutsam, aber bestimmt in die Gegenwart geführt würde. Die Auswirkungen auf die Baukultur der Stadt wären womöglich tiefgreifender, als man sich das heute vorstellen kann. Dieser Schritt wäre aber nur dann wirklich sinnvoll, wenn die Neugestaltung mutig einen neuen Ton anschlagen würde, der die Bürger dieser Stadt wirklich anzusprechen vermag. Denn es geht bei Weitem nicht nur um die Bedürfnisse des jetzigen Publikums. Es geht auch und vielleicht vor allem um die Menschen, die sich heute vom Theater und seinem Programm nicht angesprochen fühlen. Bürger, die oft nicht einmal ahnen, dass das Große Haus am Kennedyplatz auch ein Teil ihrer kulturellen Identität sein könnte. Menschen, die sich nicht eingeladen fühlen, auch wenn über dem Haupteingang der Slogan »Hereinspaziert« prangt. Es geht um ein zukünftiges Publikum, dem heute noch nahezu jeglicher Bezug zum Programm fehlt. Es geht um Menschen, die ihrem Kulturkreis, aus welchen Gründen auch immer, den Rücken gekehrt haben und in unserem nicht angekommen sind. Es geht um eine Generation, die ihr kulturelles Zuhause mehr in virtuellen als realen Welten findet. Und es geht nicht zuletzt um selbstbewusste Macher und Sympathisanten der verschiedensten subkulturellen Bewegungen, die mit dem Klima, das am Theater gegenwärtig vorherrscht, längst abgeschlossen haben. Es geht aber auch um Menschen, die glauben, sie hätten kein Recht auf einen Theaterbesuch, weil ihr Geld nicht für Tickets oder eine einfache Abendgarderobe reicht. In diesem Prozess müssen wir auch kritisch hinterfragen, was in den letzten zwanzig oder dreißig Jahren rund um unser Theater alles falschgelaufen ist. Warum hat es die Politik über Jahrzehnte hinweg bis heute an der gebotenen Fürsorge für das Haus fehlen lassen? Wie steht es um das Hineinwirken des Theaters in die Gesellschaft? Warum hat das Stadttheater keine starke Lobby, die von der Bürgerschaft getragen wird und für die nötige Schubkraft bei der Lösung seit Langem anstehender Probleme sorgt? Wir erinnern uns, wie engagierte Bürger das alte Stadtbad verteidigten und mit erklärtem Willen, einer einfachen Homepage und einigen kopierten Unterschriftenlisten dem OB das Bad quasi im Handstreich von der Verkaufsliste fegten. Eine solch breite Unterstützung würde dem Theater bei der Lösung seiner anstehenden Aufgaben und Probleme jetzt mehr denn je guttun.
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