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Die Kunst liegt auf der Straße
am 07.10.2011 veröffentlicht
Zum Auftakt der neuen a3kultur-Serie »... der Ort an dem wir leben« beschäftigt sich Bettina Kohlen mit dem Thema Streetart
In unserer Stadt tut man sich mit Kunst imöffent lichen Raum – sofern sie nicht barockoder älter ist – irgendwie schwer. Augsburg, dieFriedensstadt der Renaissance. Die lüpertzscheAphrodite fristet ihr Dasein auf dem PressedruckVorplatz,in der Maximilianstraße war sie nichterwünscht. »Ostern« steht auf der Verkehrsinselvor dem Theater nicht optimal, aber immerhin.Beide Skulpturen wurden übrigens weitgehendaus privaten Mitteln finanziert. Und wer weiß,wo der brave Manzubrunnen, der wirklich nichtals provokant bezeichnet werden kann, nachdem Umbau des Königsplatzes deponiert wird.Das alles fällt in die Rubrik Hochkultur. Dochwie sieht es am anderen Ende aus, bei der Popkulturim öffentlichen Raum? Streetart hat sichweltweit als Teil des Stadtbilds etabliert. Voraussetzungfür das Gedeihen sind zum einen geeigneteFlächen bzw. Orte, wie leer stehende Industriebauten,Brandmauern, freie Wände. Vorallem aber ist das politische und gesellschaftlicheKlima einer Stadt von Bedeutung. Wo Vandalismusphobikerdas Sagen haben, wo Angstvor vermeintlicher Hässlichkeit herrscht, wächstnichts. Das Ganze wird zu einer Art SelffulfillingProphecy. Diejenigen, die künstlerisch etwas zusagen hätten, halten sich zurück, den Mutigenmangelt es oft an technischer oder künstlerischerSubstanz. Die teils eher schlichten Ergebnissebestätigen die Vorurteile, das Ganze gehtvon vorne los.
Eher Streetwork als Streetart
Ein Versuch, diesen Kreis zu durchbrechen, istdie Schaffung legalisierter Zonen, die von Sprayernbespielt werden können. Der AugsburgerVerein »Die Bunten« kümmert sich um das Projekt»Schwabenwand«. An derzeit vier Orten sindausreichend große Wände zur Gestaltung freigegeben.Außerdem gibt es eine mobile Holzwand,die nach Bedarf eingesetzt werden kann. Dasist eine gute Sache, da es die Streetartisten der Notwendigkeit einer schnellen, illegalen NachtundNebelAktionenthebt. Es ist eine Art Spielplatzentstanden, auf dem sich die meist jugendlichenHelden allein oder bei Jams mehr oderweniger künstlerisch entfalten können. Das sollin erster Linie Spaß machen. Damit daraus aber mehr als reiner Aktionismus erwächst, bietet derVerein Workshops an, in denen die techni schenund künstlerischen Fertigkeiten geschult werden;schließlich ist nicht jeder Sprayer ein Naturtalent.Allerdings ist das Ganze mehr als sozialesdenn als künstlerisches Projekt anzu sehen, eherStreetwork als Streetart. Und: Legale Sprühwändeliegen meist etwas abseits, Unterführungensind sehr beliebt. Nach dem Motto »Hier dürft ihreuch austoben, hier sieht es ja keiner«.
Die, die sich gerne beteiligen,sind nicht immer die, die es am besten können
So was gab es schon mal, für Erwachsene und Kinder. Erinnert sich jemand an den Kunst tunnel? 2003 wurde im Zuge der Bewerbung als Kulturhauptstadtdie schummrige Pferseer Unterführungzum Projekt der Künstlerin Edda Rosemann. Innerhalb eines farblich strukturier ten Rahmenskonnten sich Profis und Laien betätigen. Ergänztwurde dies durch eine LichtundToninstallation. Eigentlich eine gute Idee: die »Angströhre« mitkünstlerischen Mitteln attraktiver machen, Kunstals Instrument urbaner Verbesserung. Die Umsetzungüberzeugte aber nicht ganz. Denn die, diesich gerne beteiligen, sind nicht immer die, die esam besten können.
Ein Streetartist, der sich einfach einen ihm geeigneterscheinenden Platz für seine Kunst sucht,tut in der Regel etwas Illegales. Er läuft Gefahr,erwischt und wegen Sachbeschädigung angezeigtzu werden. Insofern sind Halls of Fame, also freigegebeneWände, eine gute Sache, auch wenndiese Art der Kanalisierung die künstlerischeFrei heit einschränkt. Doch müssen die Künstlerauf diese Weise nicht mehr anonym bleiben undnur innerhalb der Community bekannt sein, siekönnen sich offen zu ihren Werken bekennen.
Guerilla Knitting
Im eigentlichen Sinne versteht man unter Streetartausschließlich Graffitikunst, dennoch solltenandere straßenkünstlerische Ausdrucksformennicht vergessen werden. Wo bleibt die Kunst imöffentlichen Raum, die weder ein von einemAuftraggeber installiertes Kunstobjekt noch diebesprühte Wand ist? Räumliche Inszenierungenzum Beispiel oder Objekte. Was ist mit GuerillaKnitting, dem schnellen, unaufgeforderten Bestrickenvon Bäumen, Geländern, Pfosten oderÄhnlichem? Oder Guerilla Gardening. Auch dieseRückeroberung trostloser urbaner Umgebungmit pflanzlicher Hilfe ist eine Kunstform.
Was ich in Augsburg vermisse, ist Streetart, dieneben dem Streetpart stärker den Artpart fokussiert,die stärkeren Bezug auf ihre Umgebungnimmt. Viele Arbeiten, die ich sehe, könntenüberall sein, Standort und Sujet wurden beliebiggewählt. Die Wand ersetzt die Leinwand, derKünstler könnte genauso gut im Atelier arbeiten.Wenn dann noch allseits bekannte Versatzstückehinzukommen, wird es schwierig. Kitschgefahr!
Streetart gehört auf die Straße,ist öffentlich und auch vergänglich
Keith Haring hat in den Achtzigern die spezielleStreetartÄsthetikjener Jahre populär gemacht.Doch seitdem hat sich einiges geändert, die Formenspracheist eine andere, die Themen habensich geändert, die Welt hat sich verändert. Stateof the Art ist der allerorten gehypte Banksy. Erkombiniert realistisch dargestellte, doch grafischreduzierte Schablonenfiguren mit pointiertenAussagen. Seine Arbeiten sind auf den jeweili genStandort bezogen inszeniert. Keine Wanddeko.Hier passt alles. Trotz des Rummels um ihn:Banksy ist der perfekte Streetartist. Seine Arbeitensind fantasievoll, plakativ, treffend under verfügt über die nötige Portion Guerillablut.Und dann ist da noch Harald Nägeli, der einst inder Schweiz wegen Sachbeschädigung verurteiltwurde und dessen fabelhafte Arbeiten heute imMuseum angekommen sind. Eine seiner Arbeitenim öffentlichen Raum wird mittlerweiledurch einen Holzverschlag geschützt. Ähnlicheshabe ich in London gesehen: Banksy hinter derBretterwand. Ab hier wird es fragwürdig. Zumeinen sind solche Schutzmaßnahmen natürlichein Beweis für die Akzeptanz als Kunstwerk,zum anderen wird so aber die Intention desKünstlers ad absurdum geführt. Streetart gehörtauf die Straße, ist öffentlich und auch vergänglich.Ohne Überlebensgarantie.
Popkultur ist immer Gegenwart, also sollteauch Graffitikunst im Jetzt spielen
Ursprünglich waren Graffiti ein Instrument derKommunikation, die nur für die Betroffenengedacht waren und nur von ihnen verstandenwurden. Diese Bedeutung spielt keine so großeRolle mehr, doch die Form ist geblieben. Machtes Sinn, heute immer noch Form und Stil einerStreetgangkultur der Achtziger zu zitieren?Street art darf keine Attitüde sein. Popkultur istimmer Gegenwart, also sollte auch Graffitikunstim Jetzt spielen. Und Kommunikationspartnerkann nicht mehr nur die SprayerCommunitysein.
Ist alles, was auf eine Wand gesprüht wird, Streetart? Nein, sicher nicht, aber das Spektrum istweit und nicht nur nach klassischen Kunstkriterienzu beurteilen. Graffitikunst ist die vorherrschendeAusprägung, aber auch alle anderenbildnerischen Kunstformen, die eigeninitiativ imöffentlichen Raum stattfinden, sind Streetart.Davon möchte ich gerne mehr sehen.
Und was ist mit der Streetart wider Willen? Verachtenwir nicht die absichtslosen Sperrmüllinszenierungen,die wunderbaren Werbetafelarrangements,die Automatenskulpturen. Das istechte Straßenkunst, die manchmal spannenderist als die beabsichtigte Streetart. Man muss sienur entdecken..
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