"Gefällt mir"
am 10.02.2012 veröffentlicht
Eine "Von & Zu"-Kolumne von Mona von Stolzhirsch
Hannelore und ich haben uns neuerdings bei Facebook angemeldet. Das spart pures Geld: Schon zwei Mal haben wir trotz abenteuerlichen Parkens keinen Strafzettel bekommen, weil der Ordnungsreferent verraten hat, wann die städtischen Verkehrsüberwacher Ausgang haben. Für Hannelore, die sich von Klaus-Jürgen getrennt hat, eröffnen sich mit Facebook überdies völlig neue Dimensionen der Kontaktaufnahme. Stundenlang sitzt sie vor dem Rechner und chattet mit Verflossenen und solchen, die es noch werden sollen.
Sie war keine drei Stunden Mitglied im Netzwerk, da ging sie schon einem echten Facebook-Casanova ins Netz: Romeo di Augusto, Musiker und Herzensbrecher, ein Schwarm aus früheren Tagen. Sofort schien es, als wäre die Zeit 20 Jahre stillgestanden – Hannelore war mit einem Schlag wieder so besonnen wie ein hormonverseuchter Teenie und auch Romeo war leider ganz der Alte. Freilich hatte die Zeit auch bei ihm Spuren hinterlassen – das Haar schütter und der massige Körper mit einem Bäuchlein ausgestattet – doch noch immer war er gesegnet mit einem schier unermüdlichen Selbstbewusstsein, als hätte der abgehalfterte Schnulzensänger seine besten Tage noch vor sich. Aber meine Freundin ließ ihn sich nicht ausreden. „Früher war er schön wie ein Gott, heute ist er charismatisch“, erklärte sie mir.
Schon in seiner allerersten Mail schwelgte er in zuckersüßen Erinnerungen, wie verliebt er damals in sie gewesen sei. „Wie schön, endlich wieder von dir zu hören, gerne auch in echt“, flötete er. „Ich habe dich damals immer nur von der Ferne angehimmelt, denn du hattest ja gar keinen Blick für mich.“ Es kam, wie es kommen musste: Vom ersten Treffen kam Hannelore völlig paralysiert zurück. „Stell dir vor, ich bin seine Traumfrau“, hauchte sie mir atemlos entgegen. „Und er will mit mir in den Urlaub fahren.“ Romeo legte sich noch mehr ins Zeug: Ohne Umschweife sprach er beim zweiten Treffen von fester Beziehung und beim dritten vom Zusammenziehen. Ab und an zog er sie fest an sich und seine Augen glühten vor Leidenschaft – doch mehr passierte nicht. „Weißt du, er will sich Zeit lassen beim Kennenlernen“, erklärte mir Hannelore nach einem Abend, an dem sie wieder einmal sehnsuchtsvoll schmachtend auf Zuneigungsbekundungen gewartet hatte, bis er ihr erklärte, sie müsse nun gehen, er habe noch zu tun. Auch als er bei einem Konzert so ziemlich jeden weiblichen Fan anflirtete, hatte er eine Ausrede parat: „Das gehört zu meinem Job“, erzählte er der verständnisvollen Hannelore. „Aber ich habe heute Abend nur für dich gesungen.“
Verständnisvoll blieb Hannelore selbst dann, als ihr Romeo eröffnete, dass er demnächst nur wenig Zeit für sie übrighaben würde. „Ich bin beruflich voll eingespannt“, erklärte er ihr. „Ich habe ja so viele Baustellen.“ Wochen zogen ins Land, meine ergriffene Freundin wartete geduldig und tröstete sich mit gelegentlichen Videos und einer Demo-CD über ihre Einsamkeit hinweg. Bis ich ihm eines Tages beim Gassigehen begegnete – Händchen haltend mit einer Baustelle mit langen blonden Haaren, die seine Tochter sein könnte.
Hannelore hat nun zwar einen Facebookfreund und eine Illusion weniger, sich aber erstaunlich schnell wieder beruhigt. Sie hat schon das nächste Projekt in Angriff genommen: Jean-Pierre, eine Urlaubsliebe, die sie bei ihrem ersten Frankreichtrip kennengelernt hatte. „Isch abe disch nie vergessen“, so oder ähnlich muss er ihr geschrieben haben. Hannelore lernt seither eifrig Französisch und hat schon den Flieger nach Paris gebucht – ungeachtet der Tatsache, dass er ihr nahegelegt hat, doch besser ein Hotel zu buchen, denn bei ihm sei leider kein Platz...
Meine Facebook-Bekanntschaften hingegen sind eher merkwürdig denn prickelnd. Unter „Menschen, die du vielleicht kennst“ erschien eines Tages das Bild einer „Lolita Love“: ein Frauenkörper, gehüllt in schwarze Spitzenwäsche und ohne Kopf. Die Lösung: Lolita ist ein Dessousladen. Ungeklärt bleibt allerdings, warum Romeo ein paar Baustellen später eine Freundschaftsanfrage an mich richtete, mit exakt dem gleichen Wortlaut wie bei Hannelore. Hier muss es sich doch tatsächlich um einen technischen Fehler handeln – zumal wir im echten Leben so gar keine Freunde sind.
Nie vergessen werde ich nämlich sein Gesicht, als ihm Gustav nach einem Konzert ans Bein pinkelte. Plötzlich war es vorbei mit dem galanten Benehmen. Noch während das dünne Rinnsal über die Lackschuhe lief, hatte Romeo Schaum vor dem Mund, lief puterrot an und brüllte so gar nicht charmant: „Nimm den verdammten Köter weg, du alte Schlampe!“ Ich zerrte den unschuldigen Gustav nach draußen, der verdutzt mit dem Schwanz wedelte. Denn schließlich hatte er ja nur zeigen wollen: „Gefällt mir.“
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