Festival

»Wir durften jonglieren«

Patrick Bellgardt
24. Januar 2017

Bei der Programmpräsentation – heuer in der entspannten Atmosphäre des Sensemble Theaters – stärkt Kulturreferent Thomas Weitzel dem neuen künstlerischen Leiter Patrick Wengenroth bereits vorab den Rücken: »Nicht nach Quoten und Zuschauerzahlen« sei ein Festival zu beruteilen. Debatten anzuregen, Impulse zu geben, aktuelle Entwicklungen aufzugreifen, das sei der Anspruch, den sich Augsburg als Brechtstadt zu setzen habe. Oder kürzer formuliert: »Ein Festival darf eine Herausforderung sein.«

In der Tat präsentiert Wengenroth unter dem Titel »Ändere die Welt, sie braucht es!« ein anspruchsvolles Programm, das das Brechtsche Werk mit den aktuellen Diskursen unserer Gesellschaft konfrontiert. Der Schließung des Großen Hauses und dem damit verbundenen Wegfall der größten Festivalspielstätte begegnet der aus Hamburg stammende, in Berlin lebende Regisseur und Schauspieler mit sympathischem Selbstbewusstsein. Aus der Not wurde eine Tugend. »Wir durften jonglieren«, betont der Festivalleiter beim Pressetermin und zeigt sich sichtlich zufrieden mit dem Ergebnis dieses Kunststücks.

Gleich zur Eröffnung des Veranstaltungsreigens am Donnerstag, 3. März, erschließt Brechts Lehrstück »Die Maßnahme« das Gaswerk als neuen Spielort. Der Autor (»Türke, aber trotzdem intelligent«), Opernsänger und Filmemacher Selcuk Cara inszeniert das umstrittene Werk im Apparate- und Kühlerhaus des Industriedenkmals. Dabei schlägt der Regisseur den Bogen vom historischen Stoff zum heutigen Leid an den europäischen Außengrenzen.

Zeitgleich zu dieser Eigenproduktion ist auf der Brechtbühne ein Gastspiel des Berliner Theaters RambaZamba zu sehen. Das Inklusionsensemble zeigt zusammen mit mehreren Gästen (u.a. Eva Mattes) die außergewöhnliche Brecht-Adaption »Der gute Mensch von Downtown«. Weitere Theaterprojekte steuern unter anderem das Sensemble (»Das Brot des Volkes«, 10. März) und Bluespots Productions (Bertolt Brechts Svendborger Gedichte, 8. März, Parktheater) bei. Und auch Wengenroth selbst greift mit der musikalischen Revue »Die Welt ist: schlecht! Und ich bin: Brecht!« (9. März, Brechtbühne) als Regisseur und Schauspieler ins Programm ein.

Am zweiten Festivaltag, Freitag, 4. März, dürfen sich die Besucherinnen und Besucher auf einen seit Jahren bewährten Publikumsmagneten freuen: die »Lange Brechtnacht«. Das von Girisha Fernando kuratierte, international besetzte Line-up wartet mit Acts wie Isolation Berlin, Dakh Daughters, Mine oder dem Schwabinggrad Ballett auf. Der Wegfall des Großen Hauses wird mit dem Provino Club, dem Augustanasaal und dem Brecht-Comeback des Rathauses kompensiert. Das am selben Abend angesetzte Sonderkonzert von Konstantin Wecker im Scheibengasbehälter ist bereits ausverkauft.

»Feminismus ist für alle da« heißt es bei einem Thementag am Samstag, 5. März. Die Veranstaltung »Fuck Heroes, Fight Now« bringt die aktuellsten Stimmen zu diesem Thema auf der Brechtbühne zusammen: die Autor*innen Laurie Penny und Jack Urwin. Beide lesen aus ihren Texten und diskutieren mit der Journalistin und Autorin Meredith Haaf. Zwei Performances erweitern den Blickwinkel: »GAP, ein performatives Tryout« des Hamburger Kollektivs »Genderdungeon II« unternimmt im Provino Club den Versuch, Kafkas Erzählung »Heimkehr« neu und »feministisch« zu interpretieren. Die multimediale Science-Fiction-Performance »First Black Woman in Space« (Foto: Ute Langkafel) der Regisseurin und Dramaturgin Simone Dede Avivi entführt in eine postrassistische Zukunft und bietet Raum für Utopien.  

Die a3kultur-Redaktion beteiligt sich mit der »Raumpatrouille Cosmopolis« am Festival. In vier Gesprächssatelliten diskutieren wir am Freitag, 10. März, im Grandhotel ein ebenso abstraktes wie elementares Thema: Räume. Zu Gast sind Aktivist*innen ein, die sich deutschlandweit mit dem Thema Gentrifizierung auseinandersetzten, Künstler*innen, Menschen mit Fluchterfahrung, Clubbesucher*innen und Architekt* innen. Dazu gibt es Futuresound aus 100 Jahren und Drinks aus aller Welt.

Das Brechtfestival 2017 findet vom 3. bis 12. März statt. Weitere Infos zu den einzelnen Terminen und das komplette Programm finden Sie online unter:
www.brechtfestival.de

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