Club & Livemusik
Festival

Sahariennes und traditionelle Instrumente im Annahof

Gastautor

Die vier renommierten Musikerinnen aus Algerien, Marokko und Mauretanien rücken am 29. Juli das musikalische Erbe der Sahararegion in den Vordergrund.

Den musikalischen Auftakt zu Water & Sound machen die Sahariennes im Annahof. Die vier renommierten Musikerinnen aus den benachbarten Saharaländern Algerien, Marokko und Mauretanien eint ihre besondere Kunstfertigkeit. Diese setzen sie in den Dienst des gemeinsamen musikalischen Erbes der Sahararegion, das angesichts verschiedenster geopolitischer Konflikte oftmals in den Hintergrund gerät. Die Konflikte der Region sind vielfältig, etwa wenn es um Wasservorkommen geht, aber auch um Staatsgrenzen und nationalstaatliche Souveränität, wie der Konflikt um die Westsahara zeigt. Noch vielfältiger ist allerdings die Musik in der Sahararegion. Dies zu verdeutlichen ist das Anliegen der vier Künstlerinnen Noura Mint Seymali, Malika Zarra, Souad Asla und Dighya Mohammad Salem.

Noura Mint Seymali stammt aus einer prominenten Griot-Familie. Diese Musikerfamilien genießen in Ländern wie Mali großes Ansehen, wirken sie doch insbesondere als Geschichtsbewahrer und kulturelles Gedächtnis ihrer Region als identitätsstiftend. In den 1980er-Jahren setzte eine größere Auswanderungsbewegung ein, im Zuge derer viele der Griots ihren Landsleuten nach Europa, vor allem nach Frankreich, folgten und die Griot-Traditionen damit auch ins Ausland exportierten, wo sie sich mit anderen musikalischen Traditionen und Genres mischten, gleichzeitig aber in ihrem Kern den Geschichten und Identitäten der Sahararegion treu blieben, wie die Sahariennes bei ihren Konzerten zeigen.

Yemen Blues trifft akustische Ökologie

Malika Zarra verkörpert diese neue Verbindung mit ihrem Jazzstudium in Frankreich und der Beschäftigung mit der Gnawa- und Chaabi-Tradition. Ebenso wie Souad Asla, die seit mittlerweile zwanzig Jahren in Paris lebt und mit ihrem Projekt »Lemma« internationale Popularität erlangte. Darin widmet sie ihre Musik den Frauen aus der algerischen Wüstenstadt Bechar, in der sie selbst geboren wurde, sowie deren Musikalität.

Auch Dighya Mohammad Salem lebt mittlerweile in Frankreich, wo sie mit Unterstützung des renommierten Atelier des artistes en exile (Agentur für Künstler*innen im Exil) ihre Band gründete. Die in der Westsahara geborene Salem teilt ihr Schicksaal mit einem Großteil ihrer Landsleute, die aufgrund der Besetzung der Westsahara 1976 auswanderten oder in algerischen Flüchtlingscamps lebten und aufwuchsen.

Diese unterschiedlichen biografischen Erfahrungen der sahrauischen Künstlerinnen finden Eingang in ihre Musik und ihren Gesang.

Im Anschluss spielt die israelische Musikergruppe Yemen Blues um Ravid Kahalani. Der Sänger, Songwriter und Gründer der Band ist selbst Israeli, allerdings mit familiären Wurzeln im Yemen. In einem Interview mit der von der Deutschen Welle betriebenen Nachrichtenseite Qantara.de – Dialog mit der islamischen Welt beschrieb Kahalani, dass im Jemen seit jeher jemenitische Juden leben. Einige Quellen gehen von mehr als 3.500 Jahren jüdischen Lebens im Gebiet des heutigen Jemen aus. Das änderte sich mit der Gründung Israels 1948, weswegen es heute nur noch eine geringe jüdische Bevölkerung in diesem seit Jahren von einem Bürgerkrieg geplagten Land gibt.

Diese historischen und kulturellen Verflechtungen zeigen sich auch in der Musik von Yemen Blues, einem musikalischen Feuerwerk aus einer Mischung jemenitischer Gesänge, nord- und westafrikanischer sowie afrokubanischer Rhythmen mit Elementen aus Jazz, Funk, Blues und Soul. So unterschiedlich die musikalischen Stile genutzt werden, so spielt Kahalani auch mit den Sprachen, in denen er singt. Vielfach wechselt er zwischen jemenitischem Arabisch und Hebräisch, Herkunfts- und Muttersprache also. Auch Marokkanisch und französisches Kreol finden ihren Einklang, je nachdem, wie die Sprachen mit der Melodie harmonieren, so der Sänger der 2010 gegründeten israelischen Combo.

Auch der reichhaltigen Tradition an Instrumenten aus verschiedenen Kulturräumen bedienen sich die Musiker um Kahalani mit Wurzeln aus allen Teilen der Welt. Etwa der in Brooklyn geborene Bassist und Oudist Shanir Blumenkranz, zusammen mit dem uruguayischen Rony Iwryn (Percussion) und der Israeli Dan Mayo (Drums). Die von Blumenkranz gespielte Oud bildet den Vorläufer der europäischen Laute und ist ein weitverbreitetes Instrument im nordafrikanischen und arabischen Raum. Kahalani selbst nutzt bei seinen Auftritten die Gimbri, eine dreisaitige Laute mit Ursprung in den Maghrebländern wie Marokko, wo sie vor allem der ethnischen Minderheit der Gnawa zugerechnet wird. Die Gimbri besteht aus Holz und wird mit nicht gegerbter Tierhaut straff überzogen. Das ermöglicht es, sie als Bass und Percussioninstrument zu nutzen. All diese kulturellen Einflüsse nutzt die Gruppe, um einen einzigarten Sound zu erzeugen und dabei traditionelle volkstümliche Geschichten zu erzählen.

Abgerundet wird der Abend mit der britischen Sängerin, Saxofonistin und Elektronikproduzentin Laura Misch. Die bereits zuvor bei der Parade des Wasservogels am Schaezlerbrunnen im Siebentischpark auftretende Künstlerin erlangte 2017 weltweites Renommee. Ihr Album »Lonely City« (2017) brachte ihr Auftritte in klassischen Konzerthäusern wie der Royal Albert Hall in London sowie im populären Berliner Technoclub Berghain ein. Seit 2020 experimentiert Misch neue musikalische Formen durch »akustische Ökologie« aus. Plastisch wird das etwa im Video zu ihrem Song »River Echo«. Zusammen mit ihrem Saxofon und einem mobilen Pedalgürtel begibt sich die Künstlerin in einen von Bäumen gesäumten Fluss. Ganz dosiert stimmt Misch mit ihrem Instrument in die natürlichen Klänge der Natur, das Plätschern des Flusses ein. Ganz so, als ob das Saxophon hier Teil der Natur wäre.

Im Augustanasaal im Annahof spielt Misch zusammen mit Marysia Osuchowska an der Harfe und Tomáš Kašpar an der Elektronik. Ergänzt wird der meditativ-jazzige Sound durch urbane, kontemporäre Texte der britischen Songwriterin.

Frafra-Gospel in der Friedensstadt

Auch der zweite Tag im Annahof verspricht ein musikalisches Festival der Kulturen. Mit Zilan Hasret Yildiz tritt eine kurdische Musikerin auf, die eine Vielzahl traditioneller arabischer Trommeln wie Daf, Tombak, Darbuka und Bendir bedient und darauf beeindruckende musikalische Darbietungen zum Besten gibt. Bei Water & Sound tritt die Künstlerin aus Izmir zusammen mit der alevitischen Sängerin Aylin Yildirim aus Augsburg. Ebenfalls Teil der Begegnung aus traditionellem alevitisch-kurdischen und modernem Stil sind Cem Kahveci (Bass), Tayfun Durak (Kaval) und Kadir Dogan (Percussion).

Alogte Oho & His Sound Of Joy schließen energiegeladen an die meditativen Klänge von Zilan & Aylin an. Mit Alogte Oho beehrt Ghanas Spitzenkünstler im Frafra-Gospel die Friedensstadt. Dabei handelt es sich um traditionelle christliche Musik der in Ghana und Burkina Faso ansässigen Bevölkerungsgruppe der Frafra. Die Musik von Oho und seiner Band sowie den zwei Sängerinnen Patricia Adongo und Florence Adoonie verbindet die traditionellen Rhythmen und Melodien Westafrikas mit Elementen des Jazz und Reggae. Was entsteht, ist ein kontemporärer Sound, der seine Wurzeln in den religiösen Motiven der Volksgruppe der Frafra und ihrer eigenen Sprache Farefare hat.

Den Abschluss im Annahof bildet das Kočani Orkestar aus der gleichnamigen türkischsprachigen Roma-Gemeinde in der Republik Nord­mazedonien. Das siebenköpfige Orchester steht in der Tradition orientalischer Blaskapellen auf dem Balkan und verbindet die traditionelle Musik der Roma mit urbanem Balkanpop. Kulturelle Motive aus den unterschiedlichen Balkanstaaten werden mit den wuchtigen Klängen des Orchesters und den lebendigen Rhythmen der vielfältigen Blasinstrumente intoniert. Tanzbare Orchestermusik, die durch ihren Soundtrack für den Film »Die Zeit der Zigeuner« erst internationale Bekanntheit erlangte.

Zum Weitertanzen lädt an diesem Abend eine Aftershowparty im City Club ein, mit Psychedelic Funk, Middle Eastern Psych, Afrobeat, Cumbia und Tropicalia.