Ausstellungen & Kunstprojekte

»Jubi-lab-um«

Manuel Schedl
19. Oktober 2021
Foto: Robert Henke

Zum 20. Jubiläum wartet das Medienkunstfestival lab30 mit einer Doppelausgabe auf. Im Stammhaus abraxas und an anderen Augsburger Orten lädt die junge europäische Avantgarde zwei Wochen lang zum interaktiven Spiel mit der Ästhetik der neuen Technologien. Manuel Schedl informiert über das Angebot an Medienkunst, Martin Schmidt zum Livemusik-Programm.

MEDIENKUNST & AUSSTELLUNGEN

Zwanzigmal Medienkunst von lokal bis international

Das Jahr 2003 war nicht nur das heißeste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, es war auch die Geburtsstunde eines damals in Augsburg und darüber hinaus neuartigen Festivals zeitgenössischer Kunst, das seinen Fokus auf die neuen Technologien vor allem im Hinblick auf neue Möglichkeiten des künstlerischen Ausdrucks legte, diese aber auch nicht selten mit Statements und Positionen verband.

Als »kleine ars electronica« wurde das lab30 alsbald bezeichnet. Doch »das Lab« war stets mehr als nur eine Kunstausstellung. Es war ein Mitmachfestival für Fans der elektronischen Avantgarde mit im besten Sinne sinnfreien, amüsanten Attraktionen wie einem Klang-Fitnessparcours, State-of-the-Art-Robotikinstallationen oder interaktiven Experimenten mit Licht, Tönen und taktilem Erleben. Musik spielte beim lab30 immer eine zentrale Rolle. Der Kanadier Aidan Baker von der Drone-Metal-Band »Nadja« faszinierte hier mit seinen Loop-Experimenten ebenso wie der Augsburger Gerald Fiebig, heute Leiter des Kulturhauses abraxas, das stets als Homebase für das Festival diente, wenngleich dieses über die Jahre immer neue Orte hinzugewinnen konnte: die Kirche St. Thaddäus, die Kradhalle im Kulturpark West und in jüngerer Vergangenheit auch das Gaswerk und das Textilmuseum tim. Internationale Künstler gaben hier der lokalen Szene die Klinke in die Hand.

Nun also zum Zwanzigsten das »Jubi-lab-um«. Und das wartet mit einer XXL-Ausgabe auf. Letztes Jahr mussten pandemiebedingt die Maschinen stillstehen. Verstärker und Mischpulte blieben kalt. Webcams und Mikrofone nahmen keine gut gelaunten Kunstbegeisterten auf, sondern dienten ganz nüchtern und bar jeder Poesie der Grundversorgung mit zwischenmenschlichen Kontakten via Zoom-Meetings und digitalen Hochschulvorlesungen.

Die 19. Ausgabe musste mehr als ein Jahr warten, um nun gemeinsam mit der 20. doch noch stattfinden zu können. Ganze zwei Wochen und zwei Tage lang darf sich die Medienkunst dank großzügiger Förderung durch den Kulturfonds wieder in Augsburg austoben. Das Motto dieses Jahr bezeichnenderweise: »Back to the Future!«

Das Jubiläumsprogramm beginnt am Donnerstag, 21. Oktober (11 Uhr) mit dem »Warm-up-Wochenende«. Dieses hält unter anderem die künstlerische Intervention »Floating Spaces« des Ägypters Amir Youssef bereit. Kinetische Skulpturen, die Textilkunst und Kreisel verbinden, bespielen das Staatliche Textil- und Industriemuseum.

Music by Women: beinhart oder fein wie Sternenstaub

Gut 45 Jahre, nachdem sich die Medienkunstpionierin Marina Abramović vor laufender Kamera mit Haarbürsten selbst geißelte, und 40 Jahre nach den ersten lauten, rebellischen All-female-Bands wie »Malaria!« und »Xmal Deutschland« sind die Frauen in den medialen Künsten tonangebend – und zwar buchstäblich. So auch 2021 beim lab30:
In Zusammenarbeit mit dem Netzwerk »musicBYwomen« begrüßt Augsburg die Wiener Klangkünstlerin Elisabeth Schimana, die nicht nur ihr Liveprogramm »Sternenstaub« in St. Thaddäus (Donnerstag, 21. Oktober) präsentieren wird, sondern zuvor am selben Tag auch ihr Buch »Hidden Alliances« vorstellt (Stadtbücherei, 18 Uhr), das sich mit den Werdegängen von 20 Pionierinnen der elektronischen Musik beschäftigt. Am Freitag, 29. Oktober, folgt ein Livekonzert der kanadischen Klangkünstlerin Stephanie Castonguay, am Samstag, 30. Oktober spielt die Kölner All-female-Band »120 DEN«.

Medialer Kunstgenuss drinnen und draußen

Natürlich wird die traditionelle Ausstellung in den Räumen des Kulturhauses abraxas wieder das Kernstück des lab30 sein. 15 Künstlerinnen und Künstler, internationale wie Neza Jurman (Slowenien), Helmut Smits (Niederlande), aber auch der Neusäßer Benedikt Heinz präsentieren ihre Werke. Kleiner Wermutstropfen: Die Ausstellung kann dieses Jahr aus Gründen des Infektionsschutzes nur geführt in Gruppen besichtigt werden. Dies bitte bei der Planung der Abende berücksichtigen! Und auch die traditionelle Elektrokonferenz wird wieder abgehalten, am Donnerstag, 28. Oktober.

Das Kulturhaus abraxas wird erstmals im Rahmen des lab30 auch am Sonntagabend geöffnet, und zwar das abraxas-Theater für eine Konzertperformance: Monaí de Paula Antunes und Niko de Paula Lefort aus Berlin verteilen am Sonntag, 31. Oktober im Raum ihre präparierten FM-Empfänger als sympathischen »Radio Garden«.

Auch das Gaswerk wird an diesem Wochenende gehörig zum Klingen und Schwingen gebracht: Im Apparatehaus treffen Markus Mehr und Tom Simonetti auf das Schlagwerker-Quartett Safari. Auf dem Außengelände werden die LichtGestalten aus Dortmund aktiv. Mithilfe einer speziellen App werfen sie – gleichsam als immaterielles Graffiti – interaktive farbige Projektionen, die zuvor mit den Teilnehmenden in einem Workshop erarbeitet wurden, auf den Behälterturm.
Von der Halle ins Freie: Während der Warm-up-Woche können die Augsburger*innen bereits alle an den »Light Nights Augsburg 2021« von Freitag, 22., bis Sonntag, 24. Oktober teilhaben. Der Rathausplatz und andere Straßen in der Innenstadt werden Projektionsfläche für farbenfrohe Lichtinstallationen sein.

Bei der Nachtwanderung »SomBat Walk« (23.10.) laden Davide Tidoni und Hannes Hoelzl dazu ein, die Akustik der Stadt mithilfe eines Impulsgenerators, des SomBat, zu erforschen. Die Technologie, basierend auf dem Sonarsystem von Fledermäusen, wird hier genutzt, um den Teilnehmenden ein ganz besonderes Erleben und Erfahren der nächtlichen Stadt zu bescheren.

Am Samstag, 6. November endet das Festivaljubiläum mit zwei Performances von Robert Henke, einem der ganz großen Namen der internationalen Klangkunstszene. Seine »Assistenten« sind dabei fünf sorgfältig restaurierte Commodore-CBM-8032-Computer, auf denen eine vom Künstler und seinem Team entwickelte Software ausgeführt wird. Ein kleiner Hauch von Retro in der »Bonus-Nacht« also, bevor das lab30 seine Besucher*innen wieder »zurück in die Zukunft« entlässt.  (Manuel Schedl)

MUSIK & LIVE-KONZERTE

Elektrokonferenz: Get connected!

Remember? Die ersten Augsburger Kunstlabore 2003 und 2004 waren die Kinderstube der Elektrokonferenzen. Diese Jamsessions im Bereich experimenteller und elektronischer Klangerzeugung boten Klang- und Bildkünstlerinnen und -künstlern eine Plattform für Interaktion und Austausch. Zum 20. Augsburger Kunstlabor führt deren Initiator Sebastian Giussani am Donnerstag, 28. Oktober arrivierte wie auch unbekanntere Musiker*innen und Klangkünst­ler*innen erneut im Kulturhaus abraxas zusammen: eine Elektrokonferenz ’21 mit neuem künstlerischen Personal, das sich unter Einsatz aller zeitgenössischen technischen Möglichkeiten miteinander in ein spannend miteinander verwebendes, verwobenes Klangnetz versetzt. Am Freitag, 29. Oktober folgt ein Livekonzert mit, geiles Wort: »medienarchäologischen« Klängen (Zitat Presseinfo). Die Kanadierin Stephanie Castonguay lässt bearbeitete Bildscannerköpfe auf Mineralien, Kunststoffe und Elektroschrott treffen und entlockt ihnen Klang.

Mehr, Simonetti, Safari: mehr Soundsafari

Am Freitag, 29. und Samstag, 30. Oktober wird dann das Gaswerk in Szene gesetzt und sowohl sonifiziert wie illuminiert. Auch hier soll das Motto »Back to the future!« gelten: Der historische Ort wird Zukunftsort, ein Traditionsort wird Sammelbecken für digitale, moderne Topoi. »Einmal zurück und wieder nach vorne« heißt entsprechend der (etwas unhandliche) Titel des spannenden Festkonzerts im Apparatehaus. Mit seinen Maschinen und dem Geruch der Vergangenheit wird es zum Schauplatz einer mehrteiligen Komposition. Zwei Giganten der Augsburger Soundszene, Markus Mehr und Tom Simonetti (mycrotom, H, Rhytm Police), treffen hier auf das Schlagwerker-Quartett Safari. Erstmals arbeiten diese unterschiedlichen Augsburger Künstler zusammen. Elektronisch erzeugte Klänge korrespondieren mit einem vielfältigen Instrumentarium, das auch die Maschinen im derweil von außen illuminierten Apparatehaus miteinbezieht und zu Percussion-Instrumenten umfunktionieren wird. Klopf, klopf, knock, knock!

Beinhartes vs. Kirchenzartes

Mensch und Maschine gleichermaßen stehen am Samstagabend, 30. Oktober im Mittelpunkt der Performance von 120 DEN! Die Kölner Frauenband spielt, klar, auf modifizierten Schaufens­terpuppenbeinen. Dabei entstehen subtile, klangliche Streicheleinheiten, ausufernde Klangteppiche, übers Knie gebrochene Death-Metal-Passagen und konzeptuelle Elektronik­texturen. Vorher aber, am Donnerstag, 28. und Freitag, 29. Oktober geht es in die Kirche. Und zwar in St. Thaddäus. Im Rahmen von »Ohne Distanz: Litauische Kultur in Bayern 2021« werden die Klangkünstler Arturas Bumšteinas und Kris­tupas Gikas gemeinsam mit der Augsburger Organistin Elisabeth Römer eine neue Komposition eigens für den Kirchenraum erarbeiten und aufführen. (Martin Schmidt)

Programm und Infos: www.lab30.de

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